Alfred der König von Navarra 2/2

7. Juli 2018 Albergue de Sorogain - Villanueva de Aezkoa 27 km

Der Endgegner zum Frühstück. Knapp 400 hm bis zum heutigen höchsten Punkt der Tour. die ersten 200 hm legen wir auf den ersten 500 m Wegstrecke zurück. Und nein, das ist keine Übertreibung. Das leise Grummeln hinter uns weckt Erinnerungen an unsere erste Etappe und treibt uns voran. Trotz der eigentlich angenehmen Temperaturen fließt der Schweiß. Wir schlängeln uns gen Gipfel und teilen uns die Wiesen nur mit grasenden Pferden und Schafen. In den Tälern ringsrum hängen die Wolken. 

In Auritz treffen wir auf den Jakobsweg - wer hätte gedacht, dass sich Menschen in Wanderkleidung so eindeutig in Pilger und Wanderer unterscheiden lassen! Frisch gestärkt und mit frischen Vorräten bestückt laufen wir weiter auf Etappe 5 (17,1 km und 630hm). Hinter Auritz geht es rein in den dichten Buchenwald und damit auch gleich wieder bergauf. Leider ist der Weg ziemlich breit und somit kaum Schatten -die ersten ungeschützten Körperteile nehmen eine ungesunde rote Farbe an.


Nach einem landschaftlichen Abstecher nach Brandenburg folgt wieder Buchenwald. Und mehr Berg. Und mehr Sonne. Kurz unterhalb des Latxaga passieren wir ein Kuhgerippe -sehr motivierend. Hinter dem recht unscheinbarem Gipfel des Latxaga geht es bald wieder über recht offenes Gelände. Da ist sie wieder diese Sonne. Und der nächste Schädel. So langsam hab ich den Eindruck man möchte uns was mitteilen.


Ab jetzt beginnt der unangenehme Teil. Der Abstieg nach Orbara. Steil, rutschig, lange. In unzähligen Serpentinen schlängelt sich der Weg abwärts. Unser Zwischenziel immer vor Augen und angetrieben von der Aussicht auf Pintxos und ein kühles Bier klettern wir immer weiter bergab. Wir werfen eine Blick zurück, ganz schöne Wand!


Orbara begrüßt uns mit traditioneller Architektur und einer geschlossenen Taberna -in dem Moment mache ich mir ernsthaft Sorgen um Hennings Laune. Stimmungskiller Nummer zwei: Villanueva liegt auf 920 m, Orbara nicht. Der Weg ist steil und ziemlich dicht bewachsen. Diesmal ist es meine Laune um die ich mich sorge. Wir stolpern nach Villanueve hinein und werden in diesem eigentlich recht verschlafenen Dörfchen (150 Einwohner, Tendenz aussterbend) erstmal von Schüssen aufgeschreckt. Ein Bauer ballert mit seinem Knicker auf die Vögel die seine Kirschen stibitzen wollen. Die spinnen die Spanier! 

In Villaneuva treffen wir wieder auf Unai und Oleguer. Die beiden haben mal wieder eine Pelotahalle gefunden, die ihnen als Nachtlager dient. Zelten is nicht, wir leisten uns ein Bett. Ana die Herbergsmutter begrüßt uns herzlich und mit zwei kühlen Bier -wir sind im Himmel!

Später am Abend verabreden wir uns mit Unai und Oleguer in der einzigen Bar im Ort. Hier treffen wir auch den Spatzenjäger wieder. Fußball, Bier und Burger, ein hervorragender Abschluss für diesen Tag! Wir verabschieden uns mit einem Agur! und die Bar gurrt zurück. Wir sind vermutlich ebenso verblüfft, wie die Herren an der Bar.

8. Juli 2018 Villanueva de Aezkoa - Ochagavía 20,3 km

In Villanueva ist so einiges anders als gewohnt. So auch der tierische Weckruf am Morgen. Nicht der Hahn, sondern der Esel übernimmt hier. Bei Esel werden wir natürlich hellhörig! Der vierbeinige falsche Hahn scheint schon öfter Gesprächsstoff beim Frühstück gewesen zu sein, Ana schlägt nämlich die Hände über den Kopf, als wir sie auf den Esel ansprechen. Zu sehen bekommen wir ihn aber leider nicht -er wohnt außerhalb.





Mal wieder begrüßt uns der GR 11 erstmal mit einem ordentlichen Anstieg! Anfangs etwas flacher über Wiesen und Weiden, dann immer steiler werdend. Was haben wir erwartet, die Steilwand war schon vom Schlafzimmer aus nicht zu übersehen! Bis wir mit dem Ausblick auf Villanueva de Aezkoa dauert es jedoch noch. Wir laufen etwas hinter der Kante der Sierra de Abodi auf schmalen Pfaden durch Buchenhaine und Gebüsch. 


Als wir freies Gelände erreichen ringen die Neugier auf die versprochene wunderbare Aussicht und die Faulheit die dafür notwendigen Höhenmeter zurückzulegen miteinander -die Faulheit siegt. Außerdem werden wir von einer Herde Pferde abgelenkt, die uns scheinbar besonders interessant findet und uns fast nicht mehr gehen lassen möchte -der Pferdeflüsterer in seinem Element.


Kurz vor dem Paso de Tapla machen wir Mittagspause und genießen nun endlich den wirklich wunderbaren Ausblick! Dann geht's weiter und natürlich auch gleich wieder bergauf. Der letzte große Aufstieg für heute. In drei nicht enden wollenden Serpentinen schlängelt sich der Weg auf Idorrokia. Bei der zweiten Kehre bemerken wir die Geier über uns. Gleich mehrere Exemplare warten auf dem Gipfel auf uns arme Wanderer, die sich in der Mittagshitze quasi in Zeitlupe den Berg hinaufquälen. Unwillkürlich drängen sich Bilder aus Western auf. 


Die Quälerei lohnt sich aber! Hier oben hat man einen fantastischen Rundumblick. Im Osten zeigen sich die ersten 2000er der Pyrenäen und auch Ochagavía scheint schon zu erkennen zu sein.

Nach dem Paso de las Alforjas steigen wir nach Süden ab. Hinter dem Kamm ist es zu unserem Leidwesen windstill, sonnig und brütend heiß. Wir laufen weiter bis wir schattigeres Gelände erreichen und gönnen uns eine Pause.  Als wir wieder freies Gelände erreichen blicken wir zurück -ganz schön was geschafft!


Beim Abstieg nach Ochagavía entscheiden wir uns für den längeren aber flacheren Abstieg über die Straße. Die anderthalb Etappe vom Vortag hängen uns beiden nach. Durch den Umweg entdecken wir aber eine Badestelle, die wir morgen definitiv aufsuchen werden! 
In Ochagavía angekommen laufen unsere Beine wie von selbst Richtung Bar. Mit dem größten verfügbarem Bier bewaffnet und den Füßen im Rio Anduna baumelnd beenden wir die heutige Etappe. Die letzten Meter zum Campingplatz laufen sich -Bier sei Dank- wie auf Wolken. 
Morgen Day-Off!


9. Juli 2018 Ochagavia - Ruhetag


Da wir am Vorabend die Vorräte des Zeltplatzes an gekühlter Cerveza zur Neige gebracht haben, fällt die Entscheidung den heutigen Tag zum Ausspannen zu nutzen nicht schwer. Die Zelte um uns herum sind längst abgebaut als die Füße aus Unsrigem gesteckt werden. Zum Frühstück bleibt der Kocher kalt. Es gibt gute Sandwiches und Kaffee. Dann noch nen Bummel durch den Ort. Die zwei Tante-Emma-Läden reichen völlig aus um unsere Vorräte aufzufüllen. Zurück beim Zelt sehen wir Oliguer im Schatten an einem Zaun sitzen. er muss die Wanderung abbrechen. Einer von beiden Füßen sieht aus wie auf eine Landmine getreten. Er hat die Tagesetappe zwar noch begonnen, musste sich aber eingestehen, dass die Schmerzen zu groß sind. Er ist verständlicherweise sehr geknickt.
Seine Eltern holen ihn später ab. Wir gehen am Nachmittag noch ins Schwimmbad, welches nur ein etwa 2m hohes Wehr im Fluss ist.

 

10. Juli 2018 Ochagavia - Isasba 21,1km

Durch den eingestreuten Ruhetag völlig übermotiviert, brechen wir sehr zeitig auf. Zum Frühstück gibt es erneut die neue Kreation aus Instantkaffee und Müsli aus der Titantasse. Der Ort schläft noch als wir gegen 08:00 Uhr aufbrechen. Recht zentral im Ort biegen wir östlich wieder auf den GR11 ein. Auf einem staubigen Wirtschaftsweg geht es in Serpentinen bergauf. Ochagavia liegt schnell 400 m unter uns. Die heutige Etappe ist nicht ganz so attraktiv wie die Vorigen, ein großer Teil der Strecke führt durch Forst. Nach 2 Stunden müssen wir uns zwischen Sattelzug und Vollernter hindurchzwängen. Bei Km12, die Hälfte ist geschafft, ist Mittagspause. Hier am höchsten Punkt der Etappe befindet sich ein runtergekommener Picknickplatz. Der Kocher zaubert uns ein asiatische Nudelsuppe auf Sterneniveau. Zum Nachtisch (PowerBar-Gel) gesellt sich ein Schweizer Ehepaar zu uns. Wir kommen sehr angeregt ins Gespräch über Route und Equipment. Es soll nicht die letzte Begegnung mit den Eidgenossen bleiben. Frisch gestärkt geht es auf die letzten 9 Km. Der Abstieg nach Isaba hat es wieder in sich. Im dichten Laubwald geht es steil bergab. 



Der dichte Bewuchs lässt nicht weit sehen und obwohl wir uns am Hang bewegen, ist die Entfernung zur finalen Destination nur zu erahnen. Drei kleine Bachläufe müssen unterwegs noch gequert werden und prompt hab ich mir noch schön nen Nassen geholt. Weiter geht es also links, schmatz, links, schmatz, links, schmatz. Wir erreichen oberhalb des Zielortes die Erminata de Nuestra Senora de Idoia. Die Kapelle, ihre Nebengebäude und der malerische Garten wirken wie eine Kulisse aus "der Name der Rose". William von Baskerville ist aber ausgeflogen. Wir legen eine Pause ein und genießen die Abgeschiedenheit bevor es wieder in die Zivilisation zurück geht. 


Von der Kapelle führt ein Kreuzweg hinab in den Zielort Isaba. Eigentlich wolle wir ja wieder im Zelt übernachten aber hier im engen, dichtbesiedelten Tal gibt es wenig Möglichkeiten zum Campieren also entscheiden wir uns kurzfristig für eine Herberge im Ort. Auf halben Weg zur Unterkunft kehren wir in eine Bar ein. Eine große Auswahl Pinchos und diverse Cervezas lassen uns gut gelaunt etwa eine Stunde später einchecken. Körperpflege und anschließende Ortsbesichtigung. Der Ort ist malerisch. Die Häuser sind uralt, teilweise 400 Jahre. Auf den Fensterbänken blühen überall die farbenfrohesten Blumen. Neben der mittelalterlichen Wehrkirche spielen zwei Jugendliche Pelota. Dieses Mal die Version mit kurzem Holzschläger. Im jetzt geöffneten Supermarkt werden die Vorräte aufgefüllt. Heute Abend wird auf dem Zimmer gespeist, mit Glotze, Halbfinale Belgien vs. Frankreich. Schlafen wie ein Stein.


11. Juli 2018 Isaba - Camping Zuriza 11,1 km

Das Hostal verabschiedet uns mit einem bombastischen Frühstück; na wenn das keine gute Grundlage für die heutige Etappe ist! Zum Etappenziel Camping Zuriza existieren zwei Varianten -wir entscheiden uns für den Normalweg. Der Weg führt die meiste Zeit entlang des Flusses. Kurz vor dem Punkt an dem sich der leichtere Normalweg und die Variante über den 2047 m hohe Ezkaurre trennen überholt uns ein Rentner-Pärchen (zu unserer Verteidigung sie haben nur Daypacks!). Ich spaße noch, dass die beiden gleich auf die Variante abbiegen -sie tun es.



Wir bleiben trotzdem auf dem Normalweg, wir wollen ja den Wasserfall sehen -räusper. Es dauert auch nicht lange bis man ihn schon rauschen hört. Etwa drei oder vier Meter stürzt sich eiskaltes Wasser in ein türkisblaues Becken.


So langsam lichtet sich der Urwald. Das Tal wird breiter und wir laufen wieder durch Mischwald. Es geht stetig leicht bergauf und wir nähern uns dem letzten und steilsten Anstieg. Der zieht sich ordentlich in die Länge und hier rächt sich der Körper am Kopf. Immer eine recht leichte und kurze Etappe im Kopf , die sich quasi von selbst läuft, ist der Körper nicht wirklich auf diese Anstrengung vorbereitet. Der eindeutige Beweis wie sehr der Kopf eine Rolle spielen kann. Oben angekommen treffen wir die Schweizer im Gras sitzend.

Mit Überschreitung des Passes verlassen wir die Navarra und betreten Aragonesien.


Wir sitzen eine Weile auf der Terrasse des Campingplatzes. Unsere Gedanken kreisen um die Frage weitergehen oder nicht. Die Grübelei wird unterbrochen von der Ankunft der Schweizer. Die beiden gesellen sich zu uns. Stories, Tipps und Empfehlungen werden ausgetauscht und es wird viel über Equipment philosophiert. 

Am Abend steht wieder Fußball auf dem Plan. Der größte Belgienfan im Raum dürfte wohl der Ire sein, der uns schon in Qchagavia begegnet ist. Er erzählt uns von seiner hahnebüchenen Tour über den Ezkaurre und vor allem dem halsbrecherischen Abstieg (wir haben definitiv alles richtig gemacht). Ein Typ!


12. Juli 2018 Tagestour im Valle des Ansó


Am Morgen zieht ein kleines Gewitter durch das Tal. Wenn Franziska und Peter zeitig gestartet sind, sollten sie es trocken über den Pass geschafft haben. Wir haben uns heute für eine Tagestour entschieden. Die Frage weitergehen oder nicht ist eigentlich schon beantwortet, laut ausgesprochen hat es noch keiner. Die Schilderungen des Iren und die tiefhängenden Wolken lassen uns von dem urspünglichen Plan den Ezkaurre zu besteigen abkommen. Stattdessen laufen wir Richtung Norden zum Refugio de Liuza. 


Jede Menge Tagestouristen und Campervans begegnen uns dort. Wir bleiben daher nicht lange, sondern treten den Rückweg an. Wir folgen ein Stück dem GR 13 entlang des Flusses, steigen dann aber ein paar Meter auf. Von dort oben hat man ein tollen Blick in die kleine schmale Schlucht unter uns. 


Dahinter bewegt sich der GR 13 weg vom Fluss durch warme, feuchte Weisen. Bremsenalarm! Mangels Alternativen stürzen sich die verhungerten Beißer auf uns (wo sind diese Kühe und Pferde, wenn man sie mal braucht?). Bevorzugtes Opfer ist Henning. Mein Glück, sein Unglück. 
Wir versuchen schnellstmöglich von diesen Wiesen runterzukommen. 

Zurück auf dem Campingplatz treffen wir wieder auf bekannte Gesichter. Wir folgen ihrem Beispiel und bestellen uns ein Bocadillo und ein kleines Bier. Mittlerweile hat sich das Wetter wieder gebessert. Wir packen die Badesacken aus und laufen runter zum Fluss. Definitiv eine Erfrischung!



13. Juli 2018 Zurück nach Isaba


Gestärkt mit zwei Schokohörnchen und gedopt mit Cortado geht es heute zurück nach Isaba. Unterwegs begegnet und eine Pfadfindergruppe. Die Gesichter der Jugendlichen spiegeln meine Qualen vor zwei Tagen wider. 
Gegen Mittag erreichen wir wieder den Wasserfall. Mit der senkrecht stehenden Sonne wirkt das Wasser noch türkiser und idyllischer. Heute gibt es keine Ausrede! Rein in das a****kalte Wasser. 


So kalt waren wir definitiv noch nicht baden! Schon nach wenigen Sekunden kribbelt es am ganzen Körper -so stelle ich mir eisbaden vor. 

In Isaba ist mal wieder die Bar unsere erste Anlaufstelle. 178,8 km und 7.120 hm liegen hinter uns. Da hat man sich schon mal ein Bier verdient.




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