Trans-Mark

11.-12.08.2019 Anreisemarathon AIC-IN-N-L-B-ANG

"Die am dünnsten besiedelten Landkreise Deutschlands sind die Landkreise Prignitz (36 Einwohnern/km²), der Altmarkkreis Salzwedel (37 Einwohnern/km²) sowie die Kreise Ostprignitz-Ruppin✔ und Uckermark mit je 39 Einwohnern/km²." behauptet eine bekannte Online-Enzyklopädie. 3 von 4 werden wir durchlaufen.


Es gilt! Jetzt wird sich zeigen ob Höhentraining im fränkischen Jura und Weißwurstabstinenz genügend der Vorbereitung für Bewältigung der Brandenburger Ost-West-Passage waren. Ganz nach dem Motto: „Der Weg ist das Abenteuer.“ werden wir schon auf dem Weg zum Bahnhof von mittelschweren Gewittern getroffen. 


Außerdem treffe ich mit dem Rest einer achtlos ins Griesbacherl geworfenen Semmel eine Stockente am Kopf. Die hat es einfach nicht kommen sehen. Die oberbayerische Bimmelbahn ist aber pünktlich und wir erreichen Ingolstadt HBf, einen der deutschlandweit traurigsten Großstadtbahnhöfe. Es ist Sonntag gegen 21:00Uhr. Gerade einmal das Licht ist noch an, der Rest ist verrammelt. Egal, wir müssen eh weiter zum Busbahnhof in Ingolstadt Nord. 4min Fahrzeit später: Wie schön war es doch am Hauptbahnhof! Es nieselt. Hier gibt es nichts. 3 volltrunkene Osteuropäer argumentieren emotional mit zerbrochenen Flaschen als die Polizei in doppelter Einsatzstärke und einem sehr großen Hund die Party auflösen möchte. Zwei Mann steigen ein, der Andere möchte diskutieren. Beim Lamentieren eine falsche Bewegung gemacht heißt es schnell: Gesicht auf den Boden, Acht auf den Rücken und Freifahrt im blauen BMW. Es kehrt Ruhe ein. Denkste! Hier muss nen Nest bzw. Grund (Fußball oder Volksfest) sein. Dieses Mal 4 gsuffige ach so lustige Niederbayern. Allesamt in Lederhosen, wobei einer diese nur noch um die Knöchel trägt. Lustig wie nen Tripper! Der Fernbus kommt pünktlich auf die Minute. Wir nehmen den Bus, weil er über Nacht geht, komfortabel und nicht zuletzt günstiger als alle anderen Verkehrsmittel ist. Die Strecke ist ZOB-München nach ZOB Berlin. Bogdan ist freundlich und bringt uns sicher ans Ziel. Einen Fahrgast haben wir zwar in Leipzig verloren aber wen interessiert es. Keine Pause heißt keine Pause. Mit wenigen Minuten Verspätung erreichen wir den ZOB Berlin. Wir haben beide (eingermaßen) gut geschlafen. Im Schatten von Funkturm und ICC herrscht hier immer noch der Charme der frühen 80er Jahre. Mit nem frischen Kaffee geht es zur Ringbahn und mit ihr bis Gesundbrunnen. Als Urlauber im Berufsverkehr. Schön ist’s. Wir nehmen den RE Richtung Stralsund. Halb zehn erreichen wir den Bahnhof Angermünde. Mit uns nur wenige Andere. An die ungläubigen Blicke werden wir uns in den nächsten Tagen gewöhnen. Wanderer mit Rucksäcken unseres Formates kennt man hier einfach nicht. Der staatlich anerkannte Erholungsort Angermünde kommt prächtig daher. Viele Fachwerkbauten und frisches Kopfsteinpflaster säumen den gut beschilderten Weg zur Touristeninformation. Dort besorgen wir uns eine Karte von der Uckermark. 

 

Als die nette Dame uns fragt, was wir den vorhätten und wo wir den hinwollten, weihen wir sie in unseren Plan ein meine Heimat einmal von rechts nach links zu durchwandern. „Zu Fuß?“ Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass das wohl nicht so häufig vorkommt. Frühstück! Wir sind jetzt mit Unterbrechungen zwecks Verkehrsmittelwechsel seit 12 Stunden unterwegs. Der Magen knurrt. Die Touriinfo empfiehlt uns Cafe & Bäckerei Schmidt auf dem Marktplatz. Bei Sonnenschein schlemmen wir draußen zwischen historischem Prangeresel und neuer, sehr gelungener Brunneninstallation. 

 

Nach dem Essen und kurzem Smalltalk mit Frau Schmidt gehen wir Richtung Norden zum an die Stadt angrenzenden Mündsee. Der Stadtrundgang führt uns weiter an der Ruine der alten Stadtburg und zum Supermarkt in der obligatorischen Plattenbausiedlung. Ein eindrucksvolles EKZ mit den übriggebliebenen Ankermietern REWE und Dänisches Bettenlager. Heimische Spezialitäten sind im Angebot: das Rohr (Flasche Wilthener Goldkrone) und der Fuchs (Flasche Fläminger Jagd) werden für 3.99€ feil geboten. Ich kann/muss mich beherrschen. Wir kaufen Luftgetrocknetes, Nüsse, Müsliriegel und Traubenzucker und verlassen Angermünde westwärts auf der obligatorischen Rudolf-Breitscheid-Straße. Der Fußweg führt uns entlang an frisch geernteten Getreidefeldern bis wir nach etwa 2.5km rechts in den Wald abbiegen. Die letzten 3km bis zum Campingplatz hat der EFRE frisch asphaltiert. Der vereinsgeführte Platz liegt auf einer kleinen, fast runden Halbinsel im Wolletzsee. 

 


Die Berlin-Brandenburger Feriensaison ist bereits vorbei und bis auf die Zeltplatzleitung (Zepalei) ist nur noch eine Dame die abwechselnd schwimmen geht und im roten Nicki mit DDR-Emblem raucht, kaum jemand hier. Später kommt noch eine kleine Gruppe Studis mit dem Rad und drückt den Altersschnitt. Wir dürfen unser Zelt direkt am Wasser aufstellen. Bei Sonnenuntergang wird dann der Inhalt des Flachmanns (mein Freund Stanley) einer sensorischen Prüfung unterworfen. Anreise, die ersten Kilometer zu Fuß und der Rum läuten die Nacht schon recht früh ein.



13.08.2019 Wolletzsee – Großer Kelpinsee

Die erste Nacht war super. French Press sei Dank startet auch der Morgen hervorragend. Abbau und Aufbruch gehen schnell. Wir folgen der blauen Markierung Richtung Wolletz am Nordufer des gleichnamigen Sees. Nach der Brücke über die Welse, führt unser Weg uns direkt am Ufer entlang mit Blick auf die drei bewaldeten Inseln. Nach etwa einer Stunde wird es zu warm für langärmlig.


Hier gibt es so wenig Zivilisationslärm, dass man die etwa 10km entfernte A11 rauschen hört. Die ersten Gebäude die wir von Wolletz zu sehen bekommen haben gleich historischen Stellenwert. Bis zur Wende hatte hier Stasi-Chef Mielke sein Jagdschloss und ein Erholungsheim für hohe Kader des MfS. Deshalb war auch das Nordufer des Sees für die Öffentlichkeit gesperrt. Seit jeher übt die Unberührtheit, Wald- und Wildreichtum der Uckermark bzw. Schorfheide auf düstere Gestalten der deutschen Geschichte eine Anziehungskraft aus. Mittag, Mielke, Honecker und nicht zuletzt Göring ließen sich hier das angefütterte Wild vor die Flinte treiben. Heute befindet sich auf dem Anwesen ein Kardiologisches Reha-Zentrum. Vom Zepalei wurde uns am Vortag das Kaffee Konsum wärmstens ans Herz gelegt. Super stylischer DDR-Bau mit super Konzept aber natürlich ausgerechnet heute wegen Reichtum geschlossen. Schade. Geht ja gut los. 


Ungestärkt geht es weiter. Dieses Stück unserer Strecke verläuft auf dem Berlin-Usedom Radweg, der auch gut frequentiert ist. Am Westende des Sees wechselt die Vegetation endlich in dichten Kiefernwald. Willkommen ßu Hause. Kurz vor dem kleinen Örtchen Glambeck unterqueren wir die Autobahn und stehen überrascht vor der Kirchenklause, einen auf Radtouristen ausgerichteten Servicepunkt mit Imbiss an der ersten Radwegekirche Deutschlands. Es ist geöffnet. Die jute Frau passt in die Welt. Es gibt Bockwurst, Knacker, Schmalzstulle und Kartoffelsalat, Kaffee und Radler, garniert mit lokalen Anekdoten. Dass die „fette Henne“ nicht in die „Nuckelpinne“ gepasst hat, lässt Alina etwas fragend aussehen und nötigt mich zur ersten Brandenburger Fachübersetzung. 


Weiter Richtung Parlow biegen wir kurz bevor der Wald endet nach Norden auf eine alte schnurgerade Kopfsteinpflasterstraße ab. Etwa eine Stunde später erreichen wir Schmelze, ein Ort bestehend aus 2 Häuern im malerischen Nirgendwo am Südufer des kleinen Präßnicksees. Der Feldweg endet in der Mitte der schmalen Landzunge die großen und kleinen Präßnicksee voneinander trennt. Wir rasten mit Blick über die gesamte Länge beider Seen. Es ist recht windig und wir entscheiden uns gegen ein Bad. Ab hier geht es zwar noch auf einem Wanderweg aber über große umgekippte Bäume und eine morsche Brücke ans Nordufer beider Seen. 

 
 

Wir halten uns nord-östlich Richtung Louisenau, ein großes altes Gehöft wo Ferien auf dem Bauernhof angeboten werden. Als Nachtquartier haben wir schon im Voraus, auf Empfehlung eines unterwegs getroffenen Eingeborenen, den großen Kelpinsee auserkoren. Die Ufer sind zu 100% unverbaut. Keine Straße führt heran. Totenstille. Durch die andauernde Trockenheit fehlen dem See auch etwa 50cm Wasserspiegel, was aber bei den zumeist flachen Seen hier heißt, dass die Uferlinie sich 4-5m zurückgezogen hat. Wir schlagen das Zelt im von Wildscheinen durchwühlten Schilfgürtel auf. Der Sonnenuntergang wird akustisch untermalt von einem Hirsch der es wirklich nötig hat. Die Nacht beginnt früh den es wird doch recht schnell recht kühl. Der Boden ist feucht und es weht ein Lüftchen übers Wasser. So fernab vom Menschen hört man jedes Geräusch. Springende Fische, landende und startende Enten, rascheln tut es sowieso überall und natürlich der geile Hirsch von gegenüber. Ein Schuss fällt! Laut, mit Druckwelle! Ich überprüfe das Zelt auf Löcher. Was nen Schreck. Aber egal auf was es der Jäger abgesehen hat, der Hirsch von gegenüber hat heute einfach kein Glück bei den Damen. Gute Nacht.

14.08.2019 Großer Kelpinsee – Vietmannsdorf

Der Morgen ist malerisch. Kein Lüftchen geht, der See ist spiegelglatt. In unseren Rücken bricht die Sonne durch die schiefen Birken. Das Zelt ist über Nacht recht feucht geworden und ich versuche die einzelnen Teile irgendwo im Schilf aufzuhängen, wo gerade ein Sonnenstrahl zu erhaschen ist. Funktioniert so semi bis gar nicht. Alina filtert Wasser und befüllt die French Press. Mit dem Rest wird Porridge angerührt. Mmmmhhhh; nicht! Abbauen, abwaschen, abhauen. 


Nach etwa 1,5km erreichen wir die Zivilisation wieder. Ringenwalde mit seinen 350-400 Einwohnern kann mit einem riesigen, wieder zum Leben erweckten Schlosspark mit imposanter Familiengrabstätte der Familie Saldern-Ahlimb und einen noch imposanteren Findling aufwarten. Das Schloss, das bis Ende des zweiten Weltkriegs als Lazarett für die Wehrmacht genutzt wurde, ist beim Vorrücken der Sowjets allerdings von der SS gesprengt worden. Der Platz an der Dorfstraße ist aber bis heute unbebaut und man kann erahnen wo es mal stand. Die Gaststätte im Ort hätte heute geöffnet es aber noch viel zu früh. 


Am Ortsausgang, kurz vor der Bahnstrecke Britz-Templin (früher Britz-Fürstenberg) sieht man sie, die Großstadtflüchtlinge. Mutti matscht grad schön mit den Händen Stroh in den Lehm für die Ökohütte. Papa kommt grad vom Kompostklo. Der bunte Mercedesbus von 1981 rostet vor sich hin. Herrlich. Die Baustelle sieht aus wie ein Trümmerfeld. Alles so echt hier draußen. Am Bahnhof gibt es noch ein Cafe welches aber heute geschlossen hat. Nächste Siedlung auf der Tour: Julianenhof. Drei Wohnhäuser, davon zwei absolute Messibuden. Auf einer Weide kommen zwei neugierige Alpakas auf uns zugesprungen. Was so süß und lustig von weitem daher kommt, hat von nahem sauhässliche Zähne. 


Selfie geschossen und weiter geht’s. Am Ortsausgang weist uns ein restaurierter historischer Meilenstein den Weg in den nächsten Ort Libbesicke. So schnell man da ist, so schnell ist man auch wieder durch. In vielen Orten kreuzt die Hauptstraße die Dorfstraße im rechten Winkel, so dass es im Ort eigentlichen keinen Durchgangsverkehr gibt. Also noch weniger als ohnehin schon. Wie mit der Schnur gezogen geht es durch den Wald Richtung Gollin. Uns bremsen nur die Unmengen reifer Brombeeren unterwegs.


In Gollin fällt der Blick erst auf die schöne Fachwerkkirche und dann das Schild „Gaststätte Krug“. Hunger! Geöffnet! Wir nehmen im Biergarten Platz. Nach 10 min immer noch keine Fachkraft am Tisch. Ich gehe rein, alles ist offen und das Radio läuft im Schankraum. Ich verpasse der Rezeptionsklingel auf dem Tresen ein paar neue Beulen. Nix! Kurz bevor wir wieder gehen wollen, taucht ein Mann am Tisch auf. Jetzt geht alles sehr schnell. Berliner Weiße und Wildgulasch mit Gurkensalat kredenzt von einer lokalen Stilikone. Allet dran an dit Mädel: asynchroner Bunthaarschnitt, Tätowierungen mit Tiefgang und falsche Fingernägel, Wolverine würde vor Neid erblassen. Mann, Mann, Mann. Echt jetzt?! Heutiges Ziel ist der Zeltplatz in Vietmannsdorf nur noch 6km von Gollin entfernt. Es geht relativ geradeaus an der Nordgrenze des ehemaligen sowjetischen Militärflughafens Groß-Dölln (der größte Europas) gen Westen. So klein Groß Dölln als Ort umso größer seine Geschichten. Göring hat hier am Großdöllner See seine Walhalla-Opiumtagträume in Form seines Carinhall verwirklicht und ließ sich dort von Hitler und Mussolini besuchen. Zum Kriegsende natürlich gesprengt. Außerdem hat hier Walter Ulbricht 1973 in seinem Ferienhaus das Zeitliche gesegnet. Wer jetzt dachte, dass reicht jetzt mit kaputten Leuten: weit gefehlt! Honecker und Leo Breschnew zogen dann regelmäßig in das Ferienhaus. Heute ist es ein 4-Sterne Hotel.


Der Campingplatz in Vietmannsdorf ist eigentlich kein Campingplatz im eigentlichen Sinne. Eher sind es etwa 5000m² Privatgrundstück bei Frau Rosenthal. Die ehemalige Stallung sind zum Sanitär-und Küchentrakt ausgebaut. Alles bestens. Die (teils anstrengenden) Holländer sind alle wieder weg verrät die Chefin. Bis auf einen Jäger aus Niedersachen sind wir allein auf dem Gelände. Bisschen Smalltalk über Dammwild und riesige Wildschweine (als ob ich Ahnung hätte) aber immer schön unterwegs im Auftrag der Völkerverständigung. Zelt aufgebaut, geduscht und ne Runde durch den Ort und an den See. 


Zurück am Zelt treffen wir Frau Rosenthal. Sie ist herzallerliebst. O-Ton: „Wenn die Gaststätte heute zu gehabt hätte, nen Bauernfrühstück, Bockwurst oder nen paar Eier hätte ich euch auch machen können.“ Das Landgasthaus hat aber geöffnet. Hier wird alles richtig gemacht. Liebevolle ideenreiche Karte, Regionalität trifft tolles Ambiente. Würzfleisch overdose.

15.08.2019 Vietmannsdorf – Großer Wentowsee

Obwohl wir nur zu dritt hier sind war die Nacht nicht ruhig. Irgendwo in der Nachbarschaft hat ein Hahn seine Armbanduhr nicht richtig gelesen und fing so gegen 03:00 Uhr an seine Mädels aber vor allem auch sämtliche Vierbeiner im Ort zu wecken. Etwa eine Stunde später lässt bei allen Beteiligten die Stimme nach und sie gehen wieder schlafen. Jetzt kommt natürlich der Jäger auf den Platz und brauch gefühlte Ewigkeiten um sein Auto auszuladen. Die mitternächtliche Großwildjagd muss sehr erfolgreich gewesen sein. Frau Rosenthal hat uns für nen schmalen Taler ein exklusives Frühstück für zwei gezaubert. Kaffee, gekochte Eier und Lachs. So geht Outdoor! 


Wir verlassen Vietmannsdorf Richtung Storkow auf der Ortsverbindungsstraße. Auf den 6 km kommen uns 2! Autos entgegen. In einem sitzt die Bedienung vom Vorabend und grüßt winkend. Auf halber Strecke ist der Abzweig nach Baßdorf. Der Wegweiser ist komplett mit Luftgewehrkugeln zerschossen. Über die Gründe lässt sich nur mutmaßen. Umsichtig bewegen wir uns weiter. Bis Storkow geht es jetzt kerzengerade aus.


Die Straße ist gesäumt von Mirabellen-, Pflaumen- und Apfelbäumen an denen wir mächtig mundräubern. Punkt 11:00 Uhr stehen wir vor Bäckerei Winkler; Öffnungszeiten 06:00-11:00 Uhr. Na toll! „Hat se schon ßujeschlossen? Müssta einfach ma rinjehn, die is da nich so!“ schallt es von der anderen Straßenseite. Frau Winkler steht hinter der Theke und macht die Abrechnung. Natürlich kriegen wir noch nen Stück Kuchen und ne Cola. „Dit mit die Öffnungßeiten intressiert hier eh keen, die Stammkunden kommen hier morjens schon um fünwe üban Hof direkt inne Backstube. Kennt man ja alle über die Jahre. Is janz normal.“ Herr Winkler Senior kommt auch nochmal kurz vorbei um zu sehen mit wem sich seine Frau da verquatscht hat. Einmal nicken, angenehm. Über Fennluch geht es weiter Richtung Vogelsang. Der Mahnkopfsee, an dem wir mittags pausieren, markiert die Kreisgrenze. Machet jut Uckermark; hallo Oberhavel, meine Heimat. Alles so viel schöner hier! Es beginnt zu regnen. 


Vogelsang, dass mit seinen 100 Einwohnern zur Stadt Zehdenick gehört, schläft. Wir passieren auf Zehenspitzen. Zur Zeit des kalten Krieges war die Lage hier etwas brisanter. Etwa 15.000 Sowjets lebten damals in der Militärstadt Vogelsang. Da die SS20 ja fast überall zum guten Ton gehörten, hatte man hier zusätzlich im Jahre 1959 ein paar Atomraketen mit Blickrichtung kapitalistischer Aggressor stationiert. Heute ist hier nicht mehr viel zu sehen. Ein Rest der Anlagen steht noch, wird aber sukzessive rückgebaut. Die Natur erledigt den Rest und lässt diese Epoche vergessen. 


5-6 km weiter durch dichten Wald und wir stehen vor der Havel. Der östlich der Müritz bei Ankershagen entspringende, Berlin durchfließende und später in die Elbe mündende Fluss ähnelt hier, kurz vor Burgwall, eher einer Seenlandschaft. Der Berliner Bauboom Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Gegend erst in eine Mondlandschaft und heute in ein Paradies für Angler und Brüter aller Art verwandelt. In den sogenannten Stichen wurde Ton (wie der Name schon sagt) gestochen, in einer der vielen Ziegeleien geformt, gebrannt und per Schiff in die Reichshauptstadt gebracht. Die Ziegeleien sind tot und bis auf den Ziegeleipark Mildenberg abgerissen. Wir folgen ein paar der noch etlichen Kilometer Schmalspurgleis bis über die Havelbrücke. Früher beförderten die Kleinbahnen Ton in ihren Loren zur Ziegelei und heute Museumsbesucher durch die Landschaft. 


Wir bekommen Hunger. Marienthal kann gleich mit zwei Gaststätten, die aber beide (man möge mir verzeihen) nicht einladend aussehen, aufwarten. Alinas Blicke machen mir Angst und ich glaube sie spielt im Kopf schon ein Kannibalismusszenario durch. Kurz bevor sie übergriffig wird erreichen wir die Mühle in Tornow. Hier hat jemand richtig Ideen und Geld in die Hand genommen, die vergammelte Mühle restauriert und ein Konzept aus Hotel, Restaurant, Hofladen und Eventlocation realisiert. Im Gastraum hängt noch bzw. wieder die Transmission an der Decke. Wir essen draußen am Mühlgraben. Bei Alina gibt es Blutwurstsalat. Waren meine bösen Vorahnungen also doch nicht so unbegründet? 


Havelzander mit Schmorgurken und Salzkartoffeln in bester Zubereitung befriedigen mein Verlangen nach kulinarischer Heimat zu 110%. Wir trödeln und sumpfen ein wenig. Heute schon viel geschafft und der Campingplatz ist zum Greifen nahe. Ein kleiner Schwenk durch den Ort und ein Blick auf die besondere Kirche und Schloss geworfen, an monströsen Eichen vorbei erreichen wir den Zeltplatz am großen Wentowsee. Der Platz hat die Besonderheit, dass der nur Besuchern jenseits von 14 Jahren die Türen öffnet. Seit Jahren, ohne Shitstorm. 

   

Alles sehr nett und alternativ dekoriert hier. Mal was Anderes (die Fusion lässt grüßen). Die Anmeldung ist in einem Bauwagen mit zusätzlichen Laden. Tolles lokales Sortiment. Wir beziehen Himmelpforter Kaffee und (ganz wichtig) Potsdamer Stange. Alina verzieht sich wegen des stark auflandigen Windes ins Zelt. Ich schaue einer Schwanenfamilie mit fünf Jungen bei der Zeltplatzerkundung zu und mache noch zwei weitere Striche im Bauwagen an der Kasse des Vertrauens. Als die Schwäne ans Südufer übersetzen verschwinde auch ich in die Koje/Zelt.


16.08.2019 Großer Wentowsee – Gransee

08:00 Uhr: Der Wald rauscht, das Schilf raschelt und die Enten diskutieren angeregt. Kein Mensch zu sehen, kein Mensch zu hören.. Schlafen wohl alle noch. Muss dieses „ab 14“ Ding sein. Käffchen aus’m Bauwagen, Zeche begleichen und dann Abmarsch. Am Nordufer geht es bis nach Ringsleben. Wegen See, Sumpf und Wald ist der Ort nur von Norden und Osten erreichbar.



Ich glaub hier war ich noch nie. Hab auch nix verpasst. Gefühlt befindet sich zwischen den beiden Ortschildern auch nur eine Bushaltestelle. Nur fünf gut ausgeschilderte Kilometer bis Dannenwalde. Bis 1950 war das hier noch Mecklenburg. Die Grenze verläuft quer durch kleinen und großen Wentowsee. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören das Herrenhaus, die achteckige Kirche, ein zugewucherter Barfußpfad und natürlich Petras Bistro. 


Hier direkt an der B96, der Traumstraße vom Zittauer Gebirge zur Ostsee, der Route66 Ostdeutschlands, erfüllt Petra alle Wünsche. HaSchniPo (Hamburger Schnitzel mit Pommes) für den Fernfahrer, zweimal Sülze für das Rentnerpärchen, nen Wassereis für das seit Stunden nervende Kind von der Rücksitzbank und natürlich die Frühstücksmolle für den Alki von nebenan. Für Alina gibt’s Apfelkuchen und Kaffee für mich Currywurst, was sonst. Frisch gestärkt geht es zum Bahnhof. Die Etappe soll heute bei meinen Großeltern etwa 10 km entfernt in Gransee enden. Der Weg dorthin ist allerdings landschaftlich nicht besonders ansprechend und verläuft eigentlich entlang der Bundesstraße. Deshalb entscheiden wir uns für eine Station mit Bahn. Das Abenteuer heute heißt Ticketkauf. Ein Automat ist nicht zu finden also bemühen wir die DB-App. Bei unterirdischem Mobilfunkempfang bedarf es 20 min, etwa 300m im Kreis laufen mit Handy hoch halten und jeder Menge Schweiß bis der QR-Code auf dem Handy erscheint. Hier bekommt man einen Eindruck davon, was "Netzsuche" heißt. Aber hey: Beförderung nur mit gültigem Fahrschein!


Die Fahrt dauert 7 min. Beim Restpostenhändler meines Vertrauens werden die Vorräte an Süßwaren und Luftgetrocknetem aufgefüllt. Auf der „Rudolf-Breitscheid-Straße“ beim „Guten Tropfen“ wird noch schnell die Luft aus dem Flachmann gelassen. Gransee hat wie jede Kleinstadt Gewerberückgang zu kämpfen, hat aber durch Zentralisierung und neuer Verkehrskonzeptionierung sehr an Innenstadtattraktivität gewonnen. Wieviele Kleinstädte haben noch ein mittelgroßes Lebensmittelgeschäft in der Innenstadt? Guter Ansatz statt noch mehr super super Supermärkte auf die grüne Wiese zu stellen. Bei den Großeltern waschen wir die gesammelte Dreckwäsche und ich bekomme von Oma noch eine kostenlose Lektion in Sachen Umgang und richtige Handhabe von Wäscheklammern. Der Rest ist ein Rum und ein Bier und gute Nacht.



17.08.2019 Gransee – Warenthin

Da heute kein Zelt abzubauen, sondern nur eine Gästecouch zusammenzuschieben ist, haben wir noch Zeit für ein ausgiebiges Frühstück mit Oma und Opa. Das Wetter ist diesig aber angenehm. Unbeobachtet schlüpfen wir im Norden, links von Franziskanerkloster durch die Stadtmauer. Noch einmal 90° nach links gedreht und die Wegrichtung steht für heute. Westwärts geht auf dem für Radfahrer neu asphaltierten ehemaligen Bahndamm der Stechlinseebahn. Die knapp 30km lange Strecke zwischen Gransee und Neuglobsow wurde 1930 in Betrieb genommen und hatte wahrscheinlich noch gar keinen Rost angesetzt als die Russen sie 1945 als Reparationsleistung wieder abbauten. An Schönermark vorbei, zwischen Sonnenberg und Rauschendorf hindurch geht es zum alten Bahnhof von Schulzendorf. Hier gab es bis 1945 einen Knotenpunkt bzw Abzweig nach Lindow welcher aber auch eine Zweitverwendung bei Väterchen Russland gefunden hat. Bis Schulzendorf hat man die Bahnlinie 1952 aber wieder aufgebaut um sie dann 2006 endgültig abzubauen. 


Der Grund hierfür liegt zwischen Schulzendorf und unserem nächsten Zwischenziel Dollgow. In das große Waldstück namens Kienheide hat die Luftwaffe vor Beginn des 2.Weltkriegs die „Munitionsanstalt“ (Muna) bzw Luftmunitionsanstalt (aber LuMuna klingt doof) gegraben. Nach dem Krieg nutze die NVA die vorhandenen Bunkeranlagen, erweiterte diese und stellte einen Bahnanschluss bis eben hier wieder her. Zivile Bahnfahrt war Ende der 60er dann auch vorbei. Heute ist die Muna leer aber immer noch umzäuntes Sperrbiet vor dem der Dollgower Damm endet. 


Übern frischen Stoppelacker, an der Waldkante entlang, durch die Wiesen und am See vorbei, geht es nach Dollgow. Hier bin ick aufgewachsen. Es ist Mittag und die ersten 15km liegen hinter uns. 169 Einwohner, zwei Gaststätten und beide sind geöffnet. Wir gehen zu "Ernst". Eigentlich heißt die Kneipe Seelig’s Gast und Logierhaus aber Ernst war halt bis vor 20 Jahren der Kneiper und deshalb geht man zu "Ernst". Auf dem Weg dahin kommt uns ein Auto entgegen und hält voll auf uns zu. Mein alter Schulfreund Patric legt kurz vor uns eine Vollbremsung hin. Brandenburger Humor halt. Er will in den nächsten Baumarkt nach Fürstenberg irgendwelches Heimwerkerzeug besorgen. Da kann er uns ja gleich ne frische Gaskartusche für den Kocher besorgen in Gransee gab‘s nix. 


Wir nehmen draußen vor der Kneipe Platz, das Wetter ist noch sehr gut geworden. Als Vorspeise wählen wir zwei frisch gezapfte Pilsener Urquell. Auf den Geschmack gekommen lassen wir uns diesen leckeren Tropfen auch zur Hauptspeise (Alina isst Zander und icke tote Oma) und zum Dessert reichen. Patric ist in der Zwischenzeit mit Gaskartusche und Durst zurück. "Een Kleenet jeht ja noch."  Wir laufen zu dritt nach Schulzenhof wo Patrics Eltern wohnen. Der Ort besteht aus 6! Häusern und bildet gleichzeitig den Abschluss der asphaltierten Straße. Eva und Erwin Strittmatter haben hier bis zu ihrem Ableben gewirkt und die Abgeschiedenheit genossen. Auf dem Weg hin und dort auf der Terrasse werden alte Stories ausgegraben und neue Geschichten erzählt. Nach einem guten türkischen Kaffee verschieden wir uns und verschwinden direkt vom Grundstück in den Kiefernwald Richtung Rheinsberg. Um das mal einzuordnen: Meine Heimatgemeinde Stechlin hat eine Bevölkerungsdichte von 14 Einwohnern/km², was wahrscheinlich per Definition „unbewohnt“ ist. 


Unter uns der Zuckersand, rechts und links nur Wald und Wasser. Vereinzelt streifen wie Senken auf deren frisch gemähten nassen Wiesen Störche sich nicht stören lassen. Ist wohl grad all you can eat. 25 Jahre nach Abzug der Sowjetarmee holt sich die Natur die Wege und gegrabenen Stellungen zurück, die Panzer seinerzeit gepflügt haben, wenn mal wieder Krieg gespielt werden musste. 


Die letzten Kilometer bis Rheinsberg geht es auf altem Pflaster schnurgeradeaus und wir erreichen die Stadt im schönen Plattenbaugebiet. Asbest! Überall Asbest! Wenigstens schön bunt angemalt. Der Ort ist für zwei Bauwerke überregional berühmt. Zum einen das Kernkraftwerk welches aus Gründen der günstigen Kühlwasserströme und dünnster Besiedlung Anfang der 60er Jahre direkt an den Stechlinsee mitten in das Naturschutzgebiet gebaut wurde. Der russische Exportreaktor von Weltruhm wurde 1990 vom Netz genommen. Die Brennstäbe sind 2007 raus und der Rückbau ist voll im Gange. Das weitaus bekanntere und populärere Bauwerk ist das Schloss Rheinsberg. Friedrich II. aka Friedrich der Große aka „der Alte Fritz“ hat das riesige Anwesen in der Nordbrandenburgischen Pampa einst seinem jüngeren Bruder Heinrich geschenkt, um vor ihm beim Tagesgeschäft in Berlin und Potsdam seine Ruhe zu haben. Heinrich hat um das Schloss herum alles ergänzt was ein richtiges Schloss in England oder Frankreich auch hat. Lustgrotte, Pavillons, Obelisken, exotische Pflanzen und Sichtachsen in alle Himmelrichtungen. Fontane und Tucholsky verhalfen durch ihr Werk dem Schloss zu nationaler Bekanntheit. Durch die Touris im Park bahnen wir uns einen Weg zum Obelisken auf der anderen Seeseite vis-a-vis des Prachtbaus. Ein schöner Platz zum Rosten. 


Wir haben jetzt etwa 26km in den Beinen. Bis zum heute auserwählten Ziel, dem Zeltplatz in Warenthin sind es nur noch etwa 3km. Diese werden aber lang. Stehenbleiben ist verboten weil die Blutsauger einen sonst auffressen. Die Autos die uns hier begegnen haben fast ausschließlich auswärtige Kennzeichen und lassen darauf schließen, dass hier die Mecklenburger Seenplatte beginnt. Wir erreichen Konny’s Zeltplatz. Konny steht wohl für Konstanze. Konny macht Zepalei und Ausschank gleichzeitig. Zur Ankunft erstmal 2 frisch Gezapfte, nen Fünfer glatt. "Kannste nich meckern!", lobt der Brandenburger. Mit Bier und Rucksäcken geht es ans Wasser, Klamotten runter und ne Runde schwimmen. Zeltaufbau hat noch Zeit. Die 3-4 Motorboote am Steg verraten die Herkunft vieler Gäste und hören auf die wunderschön klangvollen Namen wie „Naumburg“, „Borna“ oder (mein Favorit) „Bad Langensalza“. Man macht halt da Urlaub, wo es einem gut gefällt. Der Süddeutsche muss über die Alpen und der Mitteldeutsche halt an die Ostsee bzw. auf einen Zeltplatz irgendwo im Wald am Wasser. Konny hat heute ganz groß aufgefahren: Livekonzert! Heinz-Jürgen „Gotte“ Gottschalk, einer der Großen der DDR-Musikszene spielt auf. Bin ick wohl zu jung für. Das Durchschnittspublikum gibt mir Recht. Alle, ja wirklich alle kannte er. Silly, Tamara Danz, die Phudys, Karat, Stern-Combo Meißen usw… Über alle kann er zwischen seinen auf der Gitarre vorgetragen Songs eine Anekdote erzählen. Gute 3 Stunden spielt er Smokie, Canned Heat, Suzi Quatro, Beatles, Beach Boys und eigene Titel. Es herrscht auffallend gute Laune. Kein Ostalgie-Kitsch, einfach nur gute Laune. Dazu gibt es Schmalzstullen und Soljanka für nen schmalen Taler. Zu später Stunde kann Konny auch nicht mehr stillhalten und fegt eine paar Furchen durch die wenigen Tanzenden. Das Letzte an was ich mich erinnern kann, sind die Zugabe-Rufe Einzelner. Dann fallen die Augen zu. Knapp 30km fordern ihren Tribut.

18.08.2019 Warenthin – Schweinrich

Schade, so stimmungsvoll der gestrige Abend so verschlafen der Tag danach. Insgeheim habe ich gehofft, dass Konny am Morgen ihren Kiosk öffnet. Wo kriegt man hier sonst seine BILD her? Leider katert Konny aber aus und so wird routiniert gefrühstückt. Kaffee schwarz aus der French Press und Porridge. Die heutige Etappe führt uns erst nach Nordwesten Richtung Flecken-Zechlin. Keine festen Straßen mehr, nur noch Wald und Wasser. 



(Folgender Absatz enthält Sarkasmus): Die ersten Spuren von Zivilisation auf die wir heute treffen, sind Zeugen der DDR-Urlaubsmaschinerie. Gefühlt alle 200 m steht hier ein altes Ferienheim bzw. Ferienlager im Busch. Bis zur Wende der jährlich wiederkehrende Traum eines jeden Werktätigen, konnte die Heimatromantik nach 1990 mit Verlockungen ala Malle, Loret de Mare oder Gardasee nicht konkurrieren. 30 Jahre später warten Heraklith (ugs. Sauerkrautplatte) und Wellasbest auf den Zahn der Zeit. Dieser scheint aber recht wenig Appetit zu haben. Wirkt ein wenig wie Prypjat nur ohne Strahlung. 


Weil Entsorgung zu teuer und 100 m bis ans Wasser wahrscheinlich heute für den naturverliebten Urlauber unzumutbar weit sind, entsteht 200 m weiter die Straße entlang ein neuer großer Komplex einer Ferienhaussiedlung direkt am Wasser. Musterhäuser stehen schon, A-Lage schon verkauft, alle an privat, willkommen in der gated community. Urlaub in Brandenburg, nur ohne Land und Leute halt. Was im Mittelmeerraum schon lange den Socken-in-Sandalenträger über die Alpen zieht ist vielleicht auch ein Konzept für andere touristisch schwächelnde Regionen innerhalb Deutschlands. Schönste Gegend nur ohne Einheimische. Kurz vor Mittag erreichen wir Flecken Zechlin. Der Ort liegt oberhalb des schwarzen Sees und rahmt den See von drei Seiten her ein, dass er wirkt wie ein erloschener Vulkankrater.


Zwischen erstem und zweitem Weltkrieg mauserte sich Flecken Zechlin zu einen Erholungsort überregionaler Bedeutung. Ein Bahnanschluss von Rheinsberg her und von dort aus über Löwenberg (Mark) weiter nach Berlin, war die logische Konsequenz. 1926 eröffnet, 1945 wieder abgebaut und als Zweitverwendung diversen Infrastrukturmaßnahmen im fernen Sibirien zugeführt worden. Der Ort ist aber auch ohne Bahn gut auf seine Besucher eingestellt. Die Touristeninformation hat geöffnet. Am Sonntag! Chapeau! Wir brauchen neues Kartenmaterial. Hoch und heilig, mit erhobener Hand und Indianerehrenwort muss ich der Verkäuferin schwören, bei der Querung der Kyritz-Ruppiner-Heide auf der Landstraße zu laufen. Finger hintern Rücken gekreuzt! Aber dazu später mehr. Hunger! Direkt am Ufer des Sees liegt die Fischerei. Immer dem Geruch von frisch geräuchertem Fisch nach. Selbstbedienung. Fangfrischer Fisch für nen schmalen Taler direkt am Wasser. Die Sonne scheint, das Lübzer schmeckt. Das Gewässer ist über einen Kanal mit den Rheinsberger Seen, weiter mit der Mecklenburger Seenplatte, der Havel, der Elbe, und somit indirekt über den Seeweg mit New York, Rio und Sydney verbunden. Alle Seefahrer können direkt hier beim Fischer anlegen. Es ist Mittagszeit beim Fischer. 


Während am Anleger mit den Booten alle Manöver mehr als gesittet ablaufen, meine Sensationslust nach Dramen ala versenkter Schwiegermutter enttäuscht wird, geht es auf dem Parkplatz hoch her. Wie bei einem 12-Teile Puzzle für 3-Jährige wird ein-und zugeparkt. „Wer hat das Auto mit dem Kennzeichen…xy?“, schallt es wiederholt über die Außenlautsprecher. Ein stattliches Exemplar Unsportlichkeit schält sich grad aus den Sportsitzen eines Porsche Cayenne. Der Blick den er geradezu triumphal seinem genervten Beiwerk zuwirft, deute ich als: „Siehste Roswita! Ich hab dir immer gesagt irgendwann zahlt sich dieser SUV aus. Hier kommt nämlich kein anderer zum Parken hin!“ Auf den Bürgersteig, ins Parkverbot, neben der Lieferanteneinfahrt, vor das Behindertenklo. Wir verlassen gesättigt sie Szenerie. Um nicht entlang der Hauptstraße laufen zu müssen, bewegen wir uns zickzack westwärts. In Alt-Lutterow grüßt uns sogar schon der Bauer, der mit einer Horde von Monstergänsen durchs Dorf spaziert. Über einen zugewucherten Feldweg geht es weiter nach Neu-Lutterow. Ebenso verschlafen wie schön ist der Ort. Der Grund für diese Abgeschiedenheit beginnt etwa einen halben Kilometer später.


Was heute unter dem Synonym „Kyritz-Ruppiner-Heide“ als Landschaftsschutzgebiet in der Karte auftaucht, war bis 1994 ein etwa 120! km² Sperrgebiet, besser bekannt unter dem Namen „Truppenübungsplatz Wittstock“. Über 40 Jahre lang haben die russischen Streitkräfte an einer originalgetreuen Nachbildung der Mondoberfläche gearbeitet. Um von Ort A westlich zum Ort B östlich des Areals zu gelangen brauch man heute nur etwa 6km. Vor der Wende musste man dafür etwa 35km Umweg in Kauf nehmen. Bundesweit unterstütze Bürgerinitiativen sorgten dafür, dass die Bundeswehr, die ein Auge auf das Gelände geworfen hatte, im Jahr 2010 keinen Bedarf bzw. Bock mehr auf einen Tiefflugbombenabwurfplatz mehr hatte und die Heide endlich wieder frei war. Nur wenige Anwohner waren traurig. Möglicherweise jene, die auf einmal mit Durchgangsverkehr leben müssen. Für Reisende sind genau zwei Weg der Querung nur in ost-west-Richtung möglich. Im Süden auf der Sielmann-Route nur zu Fuß oder per Rad, im Norden gibt es nur den Highway nach Wittstock und weiter zur A24. Kein Fuß- bzw. Radweg. Selbstmörderisch. Wir entscheiden uns, verbotenerweise, für die „alte Lutterower Landstraße“ die auf dem Gebiet des ehemaligen Truppenübungsplatzes nur noch in Fragmenten erhalten ist. Ab und zu sind rechts und links des Weges kurze Stäbe mit weißen Plastikwimpeln in den Boden gerammt. Wir wollen nicht wissen was da liegt. Wir verlassen den Weg nicht. Es ist eindrucksvoll. 


Die Heidelandschaft schreit in allen Farben. Grelles pink, giftgrün, signalgelb bedeckt den Märkischen Sand. Ich muss Alina später Bilder im Netz zeigen um ihr zu erklären wie es hier noch vor 20 Jahren aussah. Sandwüste bis zum Horizont und noch weiter. Und heute? Die höchsten Pioniergewächse ragen 10m und höher in den Himmel. Alina stoppt. Vor uns, etwa 50m entfernt, tritt eine Hirschkuh aus dem Dickicht hervor. Sie schaut geradeaus, bemerkt uns nicht und verschwindet wieder. Bevor ich länger drüber nachdenke was die Dame hier im Hellen so treiben mag, folgt ihr der Grund. Wow! Papa Hirsch ist ein Vieh was sich so mancher Zoo wünschen würde. Soviel Holz auf dem Kopf. Ein Riese. Man wähnt einen Elch vor sich. Er bemerkt uns, aber wir stellen wohl keine Gefahr dar. Außerdem ist da noch die Sache mit den Hormonen. Also wird der Dame nachgestellt. Wir bleiben stehen und versuchen für Erlebtes Worte zu finden. Außerdem müssen wir noch die dicht bewachsene Stelle passieren wo das Wild querte. Wir unterhalten uns sehr, sehr laut und ich klatsche mehrfach in die Hände als wir besagte Stelle passieren um ein Zusammentreffen (wenn auch unwahrscheinlich) mit diesen Giganten zu vermeiden. Sie sind bestimmt schon weit entfernt. 

 

Das Wetter wechselt. Aus wechselnder Bewölkung wird dichte Bewölkung, wird Niesel. Es geht stur geradeaus, jetzt das letzte Stück leider auf der Straße. Das Stück ist so abwechlungsarm, dass wir beginnen die Begrenzungspfosten entlang der Straße zu zählen. 32! Kein Blick mehr für die Landschaft und Reste russischer Militärliegenschaften. Nur nicht überfahren werden. 
Der erste Ort westlich der „Freien Heide“ ist Schweinrich. Unser Tagesziel, der Campingplatz am Dranser See, ist nicht mehr fern. In der Ortsmitte fängt es richtig an zu regnen. Im Schutz der Bushaltestelle wird der Regenschutz angelegt. Abwarten? Ach was! Ist doch nicht mehr weit. Klitschnass erreichen wir etwa 2km weiter den Zeltplatz. Wir sind das einzige Zelt. Mal wieder freie Platzwahl, direkt am Ufer. Der Kiosk/Restaurant/trockener Sitzplatz hat geöffnet und uns wird ein herrlicher hausgemachter Linseneintopf mit Bockwurst kredenzt. Essig und Zucker stehen schon auf dem Tisch. Dazu Bier vom Fass. Die Bedienung setzt sich zu uns, muss auch mal was essen. Man kommt ins Gespräch. Hier is herzlich. Hier is echt. Die Regensachen trocknen. Schweren Herzens verkneife ich mir wieder den Fuji (Goldkrone & Cola). Gute Nacht.


19.08.2019  Schweinrich - Wittstock/Dosse

Nass war die Nacht. Weniger von oben als von unten. Die Wiese war nach dem gestrigen Guss noch triefend feucht. Und obwohl sämtliches, für den Schlaf unnötiges, in  die Regenüberzüge der Rucksäcke eingepackt war, fühlt sich alles ein wenig ihhhh an. Wir haben aber Zeit heute und müssen uns beim Einpacken nicht allzu sehr beeilen. Die heutige Etappe soll in Wittstock enden, nur 12 km entfernt. Das Wetter ist super. Wir genießen noch einen Kaffee auf dem Bootsanleger mit Blick über den See. Wie auf jedem Zeltplatz herrscht auch hier schon um 08:00Uhr emsiges Treiben. Vati muss den Fisch fürs Mittag ausnehmen und Mutti die Gardinen vom Vorzelt waschen (nicht ohne vorher nochmal ordentlich durchgefegt zu haben). Obwohl hier jeder beschäftigt scheint, erregen wir beide, in dem Zelt mit der Größe einer durchschnittlichen Hundehütte, viel Neugier und Aufmerksamkeit. Ganz zufällig werden wir beim Abmarsch noch in einem Smalltalk verwickelt. Woher; wohin; Wetter: muss ja und soll besser werden, Rucksack groß; Zelt: jaja was Besonderes; schönen Tag noch! 

 

Der Wind geht in Böen als wir das Ufer des Dranser Sees in Richtung des Ortes Dranse verlassen. Licht und Schatten im schnellen Wechsel der vorbeigeschobenen Wolken. Am Ortseingang verlassen wir die Straße und schwenken westwärts auf den alten Bahndamm ein. Bis in die späten 90er Jahre wurde der Schienenbetrieb zwischen Wittstock und Mirow, also quasi Grenzverkehr Mecklenburg-Brandenburg, aufrechterhalten, aber wegen mangelnder Fahrtgastzahlen und demographischer Entwicklungsprognosen eingestellt. Auf der Strecke ist bereits alles demontiert nur die zu Wohnhäusern umgenutzten Bahnhöfe lassen früheren Bahnbetrieb erahnen. Schnurgerade geht es die etwa 5km den langsam verwildernden Bahndamm entlang. Auf den kargen Untergrund tobt das Leben. Eidechsen, Frösche, Heuschrecken und Schmetterlinge ringen um den besten Platz an der Sonne. 


Am ehemaligen Bahnhof in Groß Haßlow legen wir eine kurze Pause ein. Ab hier ist der Bahndamm leider nicht weiter passierbar, wie ich aber kürzlich der Presse entnehmen konnte, ist der Ausbau des Dammes zu einem Radweg geplant. Somit wäre Wittstock mit Mirow, einem Tor zur Mecklenburgischen Seenplatte verbunden. Aus touristischer Sicht sinnvoll, wenn auch spät.  Wir wandern über die wenig befahrene Ortsverbindungsstraße, vorbei an Windrädern und blühenden Rapsfeldern nach Klein Haßlow. Von hier aus sieht man schon die ersten Umrisse unseres Etappenziels Wittstock. Der ausgebaute Rad- und Fußweg zieht sich. 


Entlang von Schrebergärten mit Blick auf die Plattenbausiedlung mit Schultyp Erfurt erreichen wir Wittstock aus Richtung Nordosten. In Wittstock ist nix mit Zelten, daher hat Alina in einer günstigen Minute, als mobiles Internet und Telefonnetz gleichzeitig verfügbar waren, in Wittstock ein Zimmer für eine Nacht klargemacht. Der „alte Schwede“ muss wohl Mitte der Neunziger wohl noch ein Hotel gewesen sein, ist mittlerweile nur noch eine Monteursabsteige. Schlüsselübergabe, Barzahlung, danke. Das Zimmer ist in Ordnung, mit Eckbadewanne. Für eine Nacht ok. 

Stadtrunde: Wittstock hat sich rausgeputzt, die Landesgartenschau wird in diesem Jahr hier ausgerichtet. Das gestaltete Gelände zieht sich entlang eines großen Stückes der etwa 2,5 km langen Stadtmauern. Am größten Teil der innerstädtischen Bebauung sind DDR-Umgestaltungsorgien spurlos vorbeigegangen, was allerdings nur heißt, dass die Innenstadt zur Wende ganz schön runter war. Heute residieren Verwaltung und Polizei in historischen Gemäuern. 



In der Touristeninformation am für  heutige Verhältnisse viel zu groß dimensionierten Bahnhof besorgen wir uns eine Karte der Prignitz die den Rest der Reise bis Wittenberge abdeckt. 

Prinz Eisenherz, frisch geduscht
Vor dem Bahnhof kann ich Alina noch mit meinen eingestaubten Russischkenntnissen imponieren, als ich ihr die Inschriften der Grabsteine russischer Gefallener vorlesen kann. Die 5 Jahre waren also nicht umsonst. Richtung Innenstadt noch einmal entlang der Stadtmauer, Wiekhäusern und Wallanlagen suchen wir uns was zu beißen. Die Wahl fällt auf einen Italiener in einer Gasse am Markplatz. Es schlemmt sich hervorragend. „Kannste nich meckern.“ Zurück in der Unterkunft treffen wir noch ein paar Handwerker, die ihre Auslöse sparen und sich scheinbar nur von Bier und Zigaretten ernähren.



20.08.2019 Wittstock – Beveringen

Völlig überraschend gab es in unserer zwei Sterne Unterkunft kein Frühstück; vielleicht auch besser so. Gegenüber befindet sich aber ein Bäcker, der uns mit einem mehr als üppigem Omelette und ausreichend Kaffee auf Spur bringt. Wir verlassen Wittstock Richtung Bahnhof und dann weiter durch das Gewerbegebiet immer an der Bundesstraße entlang. Vermutlich nicht die reizvollste Strecke, aber die kürzeste. Die leichte Steigung zwischen A19 und A24 (wir kratzen an der 100 m Marke) dürfte für eine Weile der letzte längere Anstieg für uns gewesen sein. Wir verlassen die Dosseniederung und betreten die Prignitz. Die höchste Erhebung liegt bei gerade einmal 152 m. Selbst die nicht gerade selten vorkommenden Windräder sind höher… Ab jetzt dominieren Äcker und Wiesen die Landschaft, durchzogen von mit Eichen gesäumten Alleen und Weiden bewachsenen Flüssen und Bächen. Am Ortseingang von Heiligengrabe wird noch einmal mit Kaffee gedopt. Jetzt sind wir gewappnet für ein bisschen Kultur. 



Das Kloster Stift zum Heiligengrabe wurde schon im 13. Jahrhundert gegründet und führte zur ersten Urbarmachung der Landschaft. Die weitläufige Klosteranlage samt Blutkapelle, Kaiser-Fenster und Damenplatz gilt als eine der besterhaltenen in Brandenburg. Nur die Gastwirtschaft hat leider nicht überlebt. Wo vor kurzem noch Geburtstag gefeiert wurde, ist heute alles finster. Gibt also keinen Kuchen für uns. 



Hinter dem Klosterstift finden wir einen kleinen, schmalen Weg, der uns durch den Wald direkt zum Bahnhof Heiligengrabe bringt. Eine willkommene Abwechslung zur bisherigen Strecke. Während die Straßen von alten Alleebäumen begleitet werden, sind die Feldwege eher mit Hecken und Obstbäumen bestellt. Es gibt also jede Menge Gelegenheiten den ersten leicht aufkommenden Hunger mit Zwetschgen, (meist noch sauren) Äpfeln oder Marillen zu bekämpfen.  



 

Hinter Wilmersdorf (Prignitz) suchen wir uns ein schattiges Plätzchen und legen wir eine Pause ein. Wir verspeisen die Reste unsere Frühstücksomelettes und werden ein zweites Mal mehr als satt davon! Der Feldweg führt uns auf direktesten Wege (geradeaus können sie echt hier in Brandenburg) bis Alt Krüssow. Ab jetzt heißt es wieder Straße laufen. Auf schnurgeraden Alleen geht es weiter bis Beveringen. Spätestens jetzt sieht auch der nicht-Geograf, dass sich die Landschaft eindeutig geändert hat: Ungestörte Sicht auf die zahlreichen Windräder und zu ihren Füßen flache Wiesen, kleine Bäche mit großen Weiden und Äcker mit ihren winzige Seen. Im Luftbild sieht es aus, als hätte die Landschaft Sommersprossen. 



Wir sind schneller vorangekommen als gedacht (muss am Omelette gelegen haben). Schon am Nachmittag sitzen wir gemütlich auf der Terrasse und werden hervorragend bewirtet. Und endlich gibt es Kuchen!



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