Trans-Mark
11.-12.08.2019 Anreisemarathon AIC-IN-N-L-B-ANG
"Die am dünnsten besiedelten Landkreise Deutschlands sind die Landkreise Prignitz✔ (36 Einwohnern/km²), der Altmarkkreis Salzwedel (37 Einwohnern/km²) sowie die Kreise Ostprignitz-Ruppin✔ und Uckermark✔ mit je 39 Einwohnern/km²." behauptet eine bekannte Online-Enzyklopädie. 3 von 4 werden wir durchlaufen.
Es gilt! Jetzt wird sich zeigen ob Höhentraining im
fränkischen Jura und Weißwurstabstinenz genügend der Vorbereitung für
Bewältigung der Brandenburger Ost-West-Passage waren. Ganz nach dem Motto: „Der
Weg ist das Abenteuer.“ werden wir schon auf dem Weg zum Bahnhof von
mittelschweren Gewittern getroffen.
Außerdem treffe ich mit dem Rest einer
achtlos ins Griesbacherl geworfenen Semmel eine Stockente am Kopf. Die hat es
einfach nicht kommen sehen. Die oberbayerische Bimmelbahn ist aber pünktlich
und wir erreichen Ingolstadt HBf, einen der deutschlandweit traurigsten
Großstadtbahnhöfe. Es ist Sonntag gegen 21:00Uhr. Gerade einmal das Licht ist
noch an, der Rest ist verrammelt. Egal, wir müssen eh weiter zum Busbahnhof in
Ingolstadt Nord. 4min Fahrzeit später: Wie schön war es doch am Hauptbahnhof!
Es nieselt. Hier gibt es nichts. 3 volltrunkene Osteuropäer argumentieren
emotional mit zerbrochenen Flaschen als die Polizei in doppelter Einsatzstärke
und einem sehr großen Hund die Party auflösen möchte. Zwei Mann steigen ein,
der Andere möchte diskutieren. Beim Lamentieren eine falsche Bewegung gemacht
heißt es schnell: Gesicht auf den Boden, Acht auf den Rücken und Freifahrt im
blauen BMW. Es kehrt Ruhe ein. Denkste! Hier muss nen Nest bzw. Grund (Fußball
oder Volksfest) sein. Dieses Mal 4 gsuffige ach so lustige Niederbayern.
Allesamt in Lederhosen, wobei einer diese nur noch um die Knöchel trägt. Lustig
wie nen Tripper! Der Fernbus kommt pünktlich auf die Minute. Wir nehmen den
Bus, weil er über Nacht geht, komfortabel und nicht zuletzt günstiger als alle
anderen Verkehrsmittel ist. Die Strecke ist ZOB-München nach ZOB Berlin. Bogdan
ist freundlich und bringt uns sicher ans Ziel. Einen Fahrgast haben wir zwar in
Leipzig verloren aber wen interessiert es. Keine Pause heißt keine Pause. Mit
wenigen Minuten Verspätung erreichen wir den ZOB Berlin. Wir haben beide
(eingermaßen) gut geschlafen. Im Schatten von Funkturm und ICC herrscht hier
immer noch der Charme der frühen 80er Jahre. Mit nem frischen Kaffee geht es
zur Ringbahn und mit ihr bis Gesundbrunnen. Als Urlauber im Berufsverkehr.
Schön ist’s. Wir nehmen den RE Richtung Stralsund. Halb zehn erreichen wir den
Bahnhof Angermünde. Mit uns nur wenige Andere. An die ungläubigen Blicke werden
wir uns in den nächsten Tagen gewöhnen. Wanderer mit Rucksäcken unseres
Formates kennt man hier einfach nicht. Der staatlich anerkannte Erholungsort Angermünde
kommt prächtig daher. Viele Fachwerkbauten und frisches Kopfsteinpflaster säumen
den gut beschilderten Weg zur Touristeninformation. Dort besorgen wir uns eine
Karte von der Uckermark.
Als die nette Dame uns fragt, was wir den vorhätten
und wo wir den hinwollten, weihen wir sie in unseren Plan ein meine Heimat
einmal von rechts nach links zu durchwandern. „Zu Fuß?“ Ihr Gesichtsausdruck
verrät, dass das wohl nicht so häufig vorkommt. Frühstück! Wir sind jetzt mit
Unterbrechungen zwecks Verkehrsmittelwechsel seit 12 Stunden unterwegs. Der
Magen knurrt. Die Touriinfo empfiehlt uns Cafe & Bäckerei Schmidt auf dem
Marktplatz. Bei Sonnenschein schlemmen wir draußen zwischen historischem
Prangeresel und neuer, sehr gelungener Brunneninstallation.
Nach dem Essen und
kurzem Smalltalk mit Frau Schmidt gehen wir Richtung Norden zum an die Stadt angrenzenden
Mündsee. Der Stadtrundgang führt uns weiter an der Ruine der alten Stadtburg und
zum Supermarkt in der obligatorischen Plattenbausiedlung. Ein eindrucksvolles
EKZ mit den übriggebliebenen Ankermietern REWE und Dänisches Bettenlager.
Heimische Spezialitäten sind im Angebot: das Rohr (Flasche Wilthener Goldkrone)
und der Fuchs (Flasche Fläminger Jagd) werden für 3.99€ feil geboten. Ich
kann/muss mich beherrschen. Wir kaufen Luftgetrocknetes, Nüsse, Müsliriegel und
Traubenzucker und verlassen Angermünde westwärts auf der obligatorischen
Rudolf-Breitscheid-Straße. Der Fußweg führt uns entlang an frisch geernteten
Getreidefeldern bis wir nach etwa 2.5km rechts in den Wald abbiegen. Die
letzten 3km bis zum Campingplatz hat der EFRE frisch asphaltiert. Der
vereinsgeführte Platz liegt auf einer kleinen, fast runden Halbinsel im
Wolletzsee.
Die Berlin-Brandenburger Feriensaison ist bereits vorbei und bis
auf die Zeltplatzleitung (Zepalei) ist nur noch eine Dame die abwechselnd
schwimmen geht und im roten Nicki mit DDR-Emblem raucht, kaum jemand hier.
Später kommt noch eine kleine Gruppe Studis mit dem Rad und drückt den
Altersschnitt. Wir dürfen unser Zelt direkt am Wasser aufstellen. Bei
Sonnenuntergang wird dann der Inhalt des Flachmanns (mein Freund Stanley) einer
sensorischen Prüfung unterworfen. Anreise, die ersten Kilometer zu Fuß und der
Rum läuten die Nacht schon recht früh ein.
13.08.2019 Wolletzsee – Großer Kelpinsee
Die erste Nacht war super. French Press sei Dank startet
auch der Morgen hervorragend. Abbau und Aufbruch gehen schnell. Wir folgen der
blauen Markierung Richtung Wolletz am Nordufer des gleichnamigen Sees. Nach der
Brücke über die Welse, führt unser Weg uns direkt am Ufer entlang mit Blick auf
die drei bewaldeten Inseln. Nach etwa einer Stunde wird es zu warm für
langärmlig.
Hier gibt es so wenig Zivilisationslärm, dass man die etwa 10km
entfernte A11 rauschen hört. Die ersten Gebäude die wir von Wolletz zu sehen
bekommen haben gleich historischen Stellenwert. Bis zur Wende hatte hier
Stasi-Chef Mielke sein Jagdschloss und ein Erholungsheim für hohe Kader des
MfS. Deshalb war auch das Nordufer des Sees für die Öffentlichkeit gesperrt.
Seit jeher übt die Unberührtheit, Wald- und Wildreichtum der Uckermark bzw.
Schorfheide auf düstere Gestalten der deutschen Geschichte eine Anziehungskraft
aus. Mittag, Mielke, Honecker und nicht zuletzt Göring ließen sich hier das
angefütterte Wild vor die Flinte treiben. Heute befindet sich auf dem Anwesen
ein Kardiologisches Reha-Zentrum. Vom Zepalei wurde uns am Vortag das Kaffee
Konsum wärmstens ans Herz gelegt. Super stylischer DDR-Bau mit super Konzept
aber natürlich ausgerechnet heute wegen Reichtum geschlossen. Schade. Geht ja
gut los.
Ungestärkt geht es weiter. Dieses Stück unserer Strecke verläuft auf
dem Berlin-Usedom Radweg, der auch gut frequentiert ist. Am Westende des Sees
wechselt die Vegetation endlich in dichten Kiefernwald. Willkommen ßu Hause.
Kurz vor dem kleinen Örtchen Glambeck unterqueren wir die Autobahn und stehen
überrascht vor der Kirchenklause, einen auf Radtouristen ausgerichteten
Servicepunkt mit Imbiss an der ersten Radwegekirche Deutschlands. Es ist
geöffnet. Die jute Frau passt in die Welt. Es gibt Bockwurst, Knacker,
Schmalzstulle und Kartoffelsalat, Kaffee und Radler, garniert mit lokalen
Anekdoten. Dass die „fette Henne“ nicht in die „Nuckelpinne“ gepasst hat, lässt
Alina etwas fragend aussehen und nötigt mich zur ersten Brandenburger
Fachübersetzung.
Weiter Richtung Parlow biegen wir kurz bevor der Wald endet
nach Norden auf eine alte schnurgerade Kopfsteinpflasterstraße ab. Etwa eine
Stunde später erreichen wir Schmelze, ein Ort bestehend aus 2 Häuern im
malerischen Nirgendwo am Südufer des kleinen Präßnicksees. Der Feldweg endet in
der Mitte der schmalen Landzunge die großen und kleinen Präßnicksee voneinander
trennt. Wir rasten mit Blick über die gesamte Länge beider Seen. Es ist recht
windig und wir entscheiden uns gegen ein Bad. Ab hier geht es zwar noch auf
einem Wanderweg aber über große umgekippte Bäume und eine morsche Brücke ans
Nordufer beider Seen.
Wir halten uns nord-östlich Richtung Louisenau, ein
großes altes Gehöft wo Ferien auf dem Bauernhof angeboten werden. Als
Nachtquartier haben wir schon im Voraus, auf Empfehlung eines unterwegs
getroffenen Eingeborenen, den großen Kelpinsee auserkoren. Die Ufer sind zu
100% unverbaut. Keine Straße führt heran. Totenstille. Durch die andauernde
Trockenheit fehlen dem See auch etwa 50cm Wasserspiegel, was aber bei den
zumeist flachen Seen hier heißt, dass die Uferlinie sich 4-5m zurückgezogen
hat. Wir schlagen das Zelt im von Wildscheinen durchwühlten Schilfgürtel auf.
Der Sonnenuntergang wird akustisch untermalt von einem Hirsch der es wirklich
nötig hat. Die Nacht beginnt früh den es wird doch recht schnell recht kühl. Der
Boden ist feucht und es weht ein Lüftchen übers Wasser. So fernab vom Menschen
hört man jedes Geräusch. Springende Fische, landende und startende Enten,
rascheln tut es sowieso überall und natürlich der geile Hirsch von gegenüber.
Ein Schuss fällt! Laut, mit Druckwelle! Ich überprüfe das Zelt auf Löcher. Was
nen Schreck. Aber egal auf was es der Jäger abgesehen hat, der Hirsch von
gegenüber hat heute einfach kein Glück bei den Damen. Gute Nacht.
14.08.2019 Großer Kelpinsee – Vietmannsdorf
Der Morgen ist malerisch. Kein Lüftchen geht, der See ist
spiegelglatt. In unseren Rücken bricht die Sonne durch die schiefen Birken. Das
Zelt ist über Nacht recht feucht geworden und ich versuche die einzelnen Teile
irgendwo im Schilf aufzuhängen, wo gerade ein Sonnenstrahl zu erhaschen ist.
Funktioniert so semi bis gar nicht. Alina filtert Wasser und befüllt die French
Press. Mit dem Rest wird Porridge angerührt. Mmmmhhhh; nicht! Abbauen, abwaschen,
abhauen.
Nach etwa 1,5km erreichen wir die Zivilisation wieder. Ringenwalde mit
seinen 350-400 Einwohnern kann mit einem riesigen, wieder zum Leben erweckten
Schlosspark mit imposanter Familiengrabstätte der Familie Saldern-Ahlimb und
einen noch imposanteren Findling aufwarten. Das Schloss, das bis Ende des
zweiten Weltkriegs als Lazarett für die Wehrmacht genutzt wurde, ist beim
Vorrücken der Sowjets allerdings von der SS gesprengt worden. Der Platz an der
Dorfstraße ist aber bis heute unbebaut und man kann erahnen wo es mal stand.
Die Gaststätte im Ort hätte heute geöffnet es aber noch viel zu früh.
Am
Ortsausgang, kurz vor der Bahnstrecke Britz-Templin (früher Britz-Fürstenberg)
sieht man sie, die Großstadtflüchtlinge. Mutti matscht grad schön mit den
Händen Stroh in den Lehm für die Ökohütte. Papa kommt grad vom Kompostklo. Der
bunte Mercedesbus von 1981 rostet vor sich hin. Herrlich. Die Baustelle sieht
aus wie ein Trümmerfeld. Alles so echt hier draußen. Am Bahnhof gibt es noch
ein Cafe welches aber heute geschlossen hat. Nächste Siedlung auf der Tour: Julianenhof.
Drei Wohnhäuser, davon zwei absolute Messibuden. Auf einer Weide kommen zwei
neugierige Alpakas auf uns zugesprungen. Was so süß und lustig von weitem daher kommt, hat von nahem sauhässliche Zähne.
Selfie geschossen und weiter geht’s. Am Ortsausgang
weist uns ein restaurierter historischer Meilenstein den Weg in den nächsten
Ort Libbesicke. So schnell man da ist, so schnell ist man auch wieder durch. In
vielen Orten kreuzt die Hauptstraße die Dorfstraße im rechten Winkel, so dass
es im Ort eigentlichen keinen Durchgangsverkehr gibt. Also noch weniger als
ohnehin schon. Wie mit der Schnur gezogen geht es durch den Wald Richtung
Gollin. Uns bremsen nur die Unmengen reifer Brombeeren unterwegs.
In Gollin
fällt der Blick erst auf die schöne Fachwerkkirche und dann das Schild „Gaststätte
Krug“. Hunger! Geöffnet! Wir nehmen im Biergarten Platz. Nach 10 min immer noch
keine Fachkraft am Tisch. Ich gehe rein, alles ist offen und das Radio läuft im
Schankraum. Ich verpasse der Rezeptionsklingel auf dem Tresen ein paar neue
Beulen. Nix! Kurz bevor wir wieder gehen wollen, taucht ein Mann am Tisch auf.
Jetzt geht alles sehr schnell. Berliner Weiße und Wildgulasch mit Gurkensalat
kredenzt von einer lokalen Stilikone. Allet dran an dit Mädel: asynchroner
Bunthaarschnitt, Tätowierungen mit Tiefgang und falsche Fingernägel, Wolverine
würde vor Neid erblassen. Mann, Mann, Mann. Echt jetzt?! Heutiges Ziel ist der
Zeltplatz in Vietmannsdorf nur noch 6km von Gollin entfernt. Es geht relativ
geradeaus an der Nordgrenze des ehemaligen sowjetischen Militärflughafens
Groß-Dölln (der größte Europas) gen Westen. So klein Groß Dölln als Ort umso
größer seine Geschichten. Göring hat hier am Großdöllner See seine Walhalla-Opiumtagträume in Form seines Carinhall verwirklicht und ließ sich dort von Hitler
und Mussolini besuchen. Zum Kriegsende natürlich gesprengt. Außerdem hat hier
Walter Ulbricht 1973 in seinem Ferienhaus das Zeitliche gesegnet. Wer jetzt
dachte, dass reicht jetzt mit kaputten Leuten: weit gefehlt! Honecker und Leo
Breschnew zogen dann regelmäßig in das Ferienhaus. Heute ist es ein 4-Sterne
Hotel.
Der Campingplatz in Vietmannsdorf ist eigentlich kein Campingplatz im eigentlichen Sinne. Eher sind es etwa 5000m² Privatgrundstück bei Frau Rosenthal. Die ehemalige Stallung sind zum Sanitär-und Küchentrakt ausgebaut. Alles bestens. Die (teils anstrengenden) Holländer sind alle wieder weg verrät die Chefin. Bis auf einen Jäger aus Niedersachen sind wir allein auf dem Gelände. Bisschen Smalltalk über Dammwild und riesige Wildschweine (als ob ich Ahnung hätte) aber immer schön unterwegs im Auftrag der Völkerverständigung. Zelt aufgebaut, geduscht und ne Runde durch den Ort und an den See.
Der Campingplatz in Vietmannsdorf ist eigentlich kein Campingplatz im eigentlichen Sinne. Eher sind es etwa 5000m² Privatgrundstück bei Frau Rosenthal. Die ehemalige Stallung sind zum Sanitär-und Küchentrakt ausgebaut. Alles bestens. Die (teils anstrengenden) Holländer sind alle wieder weg verrät die Chefin. Bis auf einen Jäger aus Niedersachen sind wir allein auf dem Gelände. Bisschen Smalltalk über Dammwild und riesige Wildschweine (als ob ich Ahnung hätte) aber immer schön unterwegs im Auftrag der Völkerverständigung. Zelt aufgebaut, geduscht und ne Runde durch den Ort und an den See.
Zurück am Zelt
treffen wir Frau Rosenthal. Sie ist herzallerliebst. O-Ton: „Wenn die
Gaststätte heute zu gehabt hätte, nen Bauernfrühstück, Bockwurst oder nen paar
Eier hätte ich euch auch machen können.“ Das Landgasthaus hat aber geöffnet.
Hier wird alles richtig gemacht. Liebevolle ideenreiche Karte, Regionalität
trifft tolles Ambiente. Würzfleisch overdose.
15.08.2019 Vietmannsdorf – Großer Wentowsee
Obwohl wir nur zu dritt hier sind war die Nacht nicht ruhig.
Irgendwo in der Nachbarschaft hat ein Hahn seine Armbanduhr nicht richtig
gelesen und fing so gegen 03:00 Uhr an seine Mädels aber vor allem auch
sämtliche Vierbeiner im Ort zu wecken. Etwa eine Stunde später lässt bei allen
Beteiligten die Stimme nach und sie gehen wieder schlafen. Jetzt kommt
natürlich der Jäger auf den Platz und brauch gefühlte Ewigkeiten um sein Auto
auszuladen. Die mitternächtliche Großwildjagd muss sehr erfolgreich gewesen
sein. Frau Rosenthal hat uns für nen schmalen Taler ein exklusives Frühstück
für zwei gezaubert. Kaffee, gekochte Eier und Lachs. So geht Outdoor!
Wir
verlassen Vietmannsdorf Richtung Storkow auf der Ortsverbindungsstraße. Auf den
6 km kommen uns 2! Autos entgegen. In einem sitzt die Bedienung vom Vorabend
und grüßt winkend. Auf halber Strecke ist der Abzweig nach Baßdorf. Der
Wegweiser ist komplett mit Luftgewehrkugeln zerschossen. Über die Gründe lässt
sich nur mutmaßen. Umsichtig bewegen wir uns weiter. Bis Storkow geht es jetzt
kerzengerade aus.
Die Straße ist gesäumt von Mirabellen-, Pflaumen- und
Apfelbäumen an denen wir mächtig mundräubern. Punkt 11:00 Uhr stehen wir vor
Bäckerei Winkler; Öffnungszeiten 06:00-11:00 Uhr. Na toll! „Hat se schon
ßujeschlossen? Müssta einfach ma rinjehn, die is da nich so!“ schallt es von
der anderen Straßenseite. Frau Winkler steht hinter der Theke und macht die Abrechnung.
Natürlich kriegen wir noch nen Stück Kuchen und ne Cola. „Dit mit die
Öffnungßeiten intressiert hier eh keen, die Stammkunden kommen hier morjens
schon um fünwe üban Hof direkt inne Backstube. Kennt man ja alle über die
Jahre. Is janz normal.“ Herr Winkler Senior kommt auch nochmal kurz vorbei um
zu sehen mit wem sich seine Frau da verquatscht hat. Einmal nicken, angenehm. Über
Fennluch geht es weiter Richtung Vogelsang. Der Mahnkopfsee, an dem wir mittags
pausieren, markiert die Kreisgrenze. Machet jut Uckermark; hallo Oberhavel,
meine Heimat. Alles so viel schöner hier! Es beginnt zu regnen.
Vogelsang, dass
mit seinen 100 Einwohnern zur Stadt Zehdenick gehört, schläft. Wir passieren
auf Zehenspitzen. Zur Zeit des kalten Krieges war die Lage hier etwas
brisanter. Etwa 15.000 Sowjets lebten damals in der Militärstadt Vogelsang. Da
die SS20 ja fast überall zum guten Ton gehörten, hatte man hier zusätzlich im
Jahre 1959 ein paar Atomraketen mit Blickrichtung kapitalistischer Aggressor
stationiert. Heute ist hier nicht mehr viel zu sehen. Ein Rest der Anlagen steht
noch, wird aber sukzessive rückgebaut. Die Natur erledigt den Rest und lässt
diese Epoche vergessen.
5-6 km weiter durch dichten Wald und wir stehen vor der
Havel. Der östlich der Müritz bei Ankershagen entspringende, Berlin durchfließende und später in die Elbe mündende Fluss ähnelt
hier, kurz vor Burgwall, eher einer Seenlandschaft. Der Berliner Bauboom Anfang
des 20. Jahrhunderts hat die Gegend erst in eine Mondlandschaft und heute in ein
Paradies für Angler und Brüter aller Art verwandelt. In den sogenannten Stichen
wurde Ton (wie der Name schon sagt) gestochen, in einer der vielen Ziegeleien geformt, gebrannt und per
Schiff in die Reichshauptstadt gebracht. Die Ziegeleien sind tot und bis auf
den Ziegeleipark Mildenberg abgerissen. Wir folgen ein paar der noch etlichen Kilometer
Schmalspurgleis bis über die Havelbrücke. Früher beförderten die Kleinbahnen
Ton in ihren Loren zur Ziegelei und heute Museumsbesucher durch die Landschaft.
Wir bekommen Hunger. Marienthal kann gleich mit zwei Gaststätten, die aber
beide (man möge mir verzeihen) nicht einladend aussehen, aufwarten. Alinas
Blicke machen mir Angst und ich glaube sie spielt im Kopf schon ein Kannibalismusszenario
durch. Kurz bevor sie übergriffig wird erreichen wir die Mühle in Tornow. Hier
hat jemand richtig Ideen und Geld in die Hand genommen, die vergammelte Mühle
restauriert und ein Konzept aus Hotel, Restaurant, Hofladen und Eventlocation
realisiert. Im Gastraum hängt noch bzw. wieder die Transmission an der Decke.
Wir essen draußen am Mühlgraben. Bei Alina gibt es Blutwurstsalat. Waren meine bösen
Vorahnungen also doch nicht so unbegründet?
Havelzander mit Schmorgurken und Salzkartoffeln in bester Zubereitung befriedigen mein Verlangen nach kulinarischer Heimat zu 110%. Wir trödeln und sumpfen ein wenig. Heute schon viel
geschafft und der Campingplatz ist zum Greifen nahe. Ein kleiner Schwenk durch
den Ort und ein Blick auf die besondere Kirche und Schloss geworfen, an
monströsen Eichen vorbei erreichen wir den Zeltplatz am großen Wentowsee. Der Platz
hat die Besonderheit, dass der nur Besuchern jenseits von 14 Jahren die Türen öffnet.
Seit Jahren, ohne Shitstorm.
Alles sehr nett und alternativ dekoriert hier.
Mal was Anderes (die Fusion lässt grüßen). Die Anmeldung ist in einem Bauwagen
mit zusätzlichen Laden. Tolles lokales Sortiment. Wir beziehen Himmelpforter
Kaffee und (ganz wichtig) Potsdamer Stange. Alina verzieht sich wegen des stark
auflandigen Windes ins Zelt. Ich schaue einer Schwanenfamilie mit fünf Jungen
bei der Zeltplatzerkundung zu und mache noch zwei weitere Striche im Bauwagen
an der Kasse des Vertrauens. Als die Schwäne ans Südufer übersetzen verschwinde
auch ich in die Koje/Zelt.
16.08.2019 Großer Wentowsee – Gransee
08:00 Uhr: Der Wald rauscht, das Schilf raschelt und die Enten diskutieren angeregt. Kein Mensch zu sehen, kein Mensch zu hören.. Schlafen wohl alle noch. Muss dieses „ab 14“ Ding sein. Käffchen aus’m Bauwagen, Zeche begleichen und dann Abmarsch. Am Nordufer geht es bis nach Ringsleben. Wegen See, Sumpf und Wald ist der Ort nur von Norden und Osten erreichbar.
Ich glaub hier war ich noch nie. Hab auch nix verpasst. Gefühlt befindet sich
zwischen den beiden Ortschildern auch nur eine Bushaltestelle. Nur fünf gut
ausgeschilderte Kilometer bis Dannenwalde. Bis 1950 war das hier noch
Mecklenburg. Die Grenze verläuft quer durch kleinen und großen Wentowsee. Zu
den Sehenswürdigkeiten gehören das Herrenhaus, die achteckige Kirche, ein
zugewucherter Barfußpfad und natürlich Petras Bistro.
Hier direkt an der B96,
der Traumstraße vom Zittauer Gebirge zur Ostsee, der Route66 Ostdeutschlands,
erfüllt Petra alle Wünsche. HaSchniPo (Hamburger Schnitzel mit Pommes) für den Fernfahrer, zweimal Sülze für das
Rentnerpärchen, nen Wassereis für das seit Stunden nervende Kind von der
Rücksitzbank und natürlich die Frühstücksmolle für den Alki von nebenan. Für
Alina gibt’s Apfelkuchen und Kaffee für mich Currywurst, was sonst. Frisch
gestärkt geht es zum Bahnhof. Die Etappe soll heute bei meinen Großeltern etwa
10 km entfernt in Gransee enden. Der Weg dorthin ist allerdings landschaftlich
nicht besonders ansprechend und verläuft eigentlich entlang der Bundesstraße.
Deshalb entscheiden wir uns für eine Station mit Bahn. Das Abenteuer heute
heißt Ticketkauf. Ein Automat ist nicht zu finden also bemühen wir die DB-App.
Bei unterirdischem Mobilfunkempfang bedarf es 20 min, etwa 300m im Kreis laufen mit Handy hoch halten und jeder Menge
Schweiß bis der QR-Code auf dem Handy erscheint. Hier bekommt man einen Eindruck davon, was "Netzsuche" heißt. Aber hey: Beförderung nur mit
gültigem Fahrschein!
Die Fahrt dauert 7 min. Beim Restpostenhändler meines
Vertrauens werden die Vorräte an Süßwaren und Luftgetrocknetem aufgefüllt. Auf
der „Rudolf-Breitscheid-Straße“ beim „Guten Tropfen“ wird noch schnell die Luft
aus dem Flachmann gelassen. Gransee hat wie jede Kleinstadt Gewerberückgang zu
kämpfen, hat aber durch Zentralisierung und neuer Verkehrskonzeptionierung sehr
an Innenstadtattraktivität gewonnen. Wieviele Kleinstädte haben noch ein
mittelgroßes Lebensmittelgeschäft in der Innenstadt? Guter Ansatz statt noch
mehr super super Supermärkte auf die grüne Wiese zu stellen. Bei den Großeltern
waschen wir die gesammelte Dreckwäsche und ich bekomme von Oma noch eine
kostenlose Lektion in Sachen Umgang und richtige Handhabe von Wäscheklammern.
Der Rest ist ein Rum und ein Bier und gute Nacht.
17.08.2019 Gransee – Warenthin
Da heute kein Zelt abzubauen, sondern nur eine Gästecouch
zusammenzuschieben ist, haben wir noch Zeit für ein ausgiebiges Frühstück mit
Oma und Opa. Das Wetter ist diesig aber angenehm. Unbeobachtet schlüpfen wir im
Norden, links von Franziskanerkloster durch die Stadtmauer. Noch einmal 90°
nach links gedreht und die Wegrichtung steht für heute. Westwärts geht auf dem
für Radfahrer neu asphaltierten ehemaligen Bahndamm der Stechlinseebahn. Die
knapp 30km lange Strecke zwischen Gransee und Neuglobsow wurde 1930 in Betrieb
genommen und hatte wahrscheinlich noch gar keinen Rost angesetzt als die Russen
sie 1945 als Reparationsleistung wieder abbauten. An Schönermark vorbei,
zwischen Sonnenberg und Rauschendorf hindurch geht es zum alten Bahnhof von
Schulzendorf. Hier gab es bis 1945 einen Knotenpunkt bzw Abzweig nach Lindow
welcher aber auch eine Zweitverwendung bei Väterchen Russland gefunden hat. Bis
Schulzendorf hat man die Bahnlinie 1952 aber wieder aufgebaut um sie dann 2006
endgültig abzubauen.
Der Grund hierfür liegt zwischen Schulzendorf und unserem
nächsten Zwischenziel Dollgow. In das große Waldstück namens Kienheide hat die
Luftwaffe vor Beginn des 2.Weltkriegs die „Munitionsanstalt“ (Muna) bzw
Luftmunitionsanstalt (aber LuMuna klingt doof) gegraben. Nach dem Krieg nutze
die NVA die vorhandenen Bunkeranlagen, erweiterte diese und stellte einen
Bahnanschluss bis eben hier wieder her. Zivile Bahnfahrt war Ende der 60er dann
auch vorbei. Heute ist die Muna leer aber immer noch umzäuntes Sperrbiet vor
dem der Dollgower Damm endet.
Übern frischen Stoppelacker, an der Waldkante
entlang, durch die Wiesen und am See vorbei, geht es nach Dollgow. Hier bin ick
aufgewachsen. Es ist Mittag und die ersten 15km liegen hinter uns. 169
Einwohner, zwei Gaststätten und beide sind geöffnet. Wir gehen zu "Ernst".
Eigentlich heißt die Kneipe Seelig’s Gast und Logierhaus aber Ernst war halt bis
vor 20 Jahren der Kneiper und deshalb geht man zu "Ernst". Auf dem Weg dahin
kommt uns ein Auto entgegen und hält voll auf uns zu. Mein alter Schulfreund
Patric legt kurz vor uns eine Vollbremsung hin. Brandenburger Humor halt. Er
will in den nächsten Baumarkt nach Fürstenberg irgendwelches Heimwerkerzeug
besorgen. Da kann er uns ja gleich ne frische Gaskartusche für den Kocher
besorgen in Gransee gab‘s nix.
Wir nehmen draußen vor der Kneipe Platz, das
Wetter ist noch sehr gut geworden. Als Vorspeise wählen wir zwei frisch
gezapfte Pilsener Urquell. Auf den Geschmack gekommen lassen wir uns diesen
leckeren Tropfen auch zur Hauptspeise (Alina isst Zander und icke tote Oma) und
zum Dessert reichen. Patric ist in der Zwischenzeit mit Gaskartusche und Durst
zurück. "Een Kleenet jeht ja noch." Wir laufen zu dritt nach Schulzenhof wo Patrics Eltern wohnen. Der Ort
besteht aus 6! Häusern und bildet gleichzeitig den Abschluss der asphaltierten
Straße. Eva und Erwin Strittmatter haben hier bis zu ihrem Ableben gewirkt und
die Abgeschiedenheit genossen. Auf dem Weg hin und dort auf der Terrasse werden
alte Stories ausgegraben und neue Geschichten erzählt. Nach einem guten
türkischen Kaffee verschieden wir uns und verschwinden direkt vom Grundstück in
den Kiefernwald Richtung Rheinsberg. Um das mal einzuordnen: Meine
Heimatgemeinde Stechlin hat eine Bevölkerungsdichte von 14 Einwohnern/km², was
wahrscheinlich per Definition „unbewohnt“ ist.
Unter uns der
Zuckersand, rechts und links nur Wald und Wasser. Vereinzelt streifen wie
Senken auf deren frisch gemähten nassen Wiesen Störche sich nicht stören
lassen. Ist wohl grad all you can eat. 25 Jahre nach Abzug der Sowjetarmee holt
sich die Natur die Wege und gegrabenen Stellungen zurück, die Panzer seinerzeit
gepflügt haben, wenn mal wieder Krieg gespielt werden musste.
Die letzten
Kilometer bis Rheinsberg geht es auf altem Pflaster schnurgeradeaus und wir
erreichen die Stadt im schönen Plattenbaugebiet. Asbest! Überall Asbest!
Wenigstens schön bunt angemalt. Der Ort ist für zwei Bauwerke überregional
berühmt. Zum einen das Kernkraftwerk welches aus Gründen der günstigen
Kühlwasserströme und dünnster Besiedlung Anfang der 60er Jahre direkt an den Stechlinsee mitten in das
Naturschutzgebiet gebaut wurde. Der russische Exportreaktor von Weltruhm wurde
1990 vom Netz genommen. Die Brennstäbe sind 2007 raus und der Rückbau ist voll
im Gange. Das weitaus bekanntere und populärere Bauwerk ist das Schloss
Rheinsberg. Friedrich II. aka Friedrich der Große aka „der Alte Fritz“ hat das
riesige Anwesen in der Nordbrandenburgischen Pampa einst seinem jüngeren Bruder Heinrich geschenkt, um vor ihm beim Tagesgeschäft in Berlin und Potsdam seine
Ruhe zu haben. Heinrich hat um das Schloss herum alles ergänzt was ein richtiges
Schloss in England oder Frankreich auch hat. Lustgrotte, Pavillons, Obelisken,
exotische Pflanzen und Sichtachsen in alle Himmelrichtungen. Fontane und
Tucholsky verhalfen durch ihr Werk dem Schloss zu nationaler Bekanntheit. Durch
die Touris im Park bahnen wir uns einen Weg zum Obelisken auf der anderen
Seeseite vis-a-vis des Prachtbaus. Ein schöner Platz zum Rosten.
Wir haben
jetzt etwa 26km in den Beinen. Bis zum heute auserwählten Ziel, dem Zeltplatz
in Warenthin sind es nur noch etwa 3km. Diese werden aber lang. Stehenbleiben
ist verboten weil die Blutsauger einen sonst auffressen. Die Autos die uns hier
begegnen haben fast ausschließlich auswärtige Kennzeichen und lassen darauf
schließen, dass hier die Mecklenburger Seenplatte beginnt. Wir erreichen Konny’s
Zeltplatz. Konny steht wohl für Konstanze. Konny macht Zepalei und Ausschank
gleichzeitig. Zur Ankunft erstmal 2 frisch Gezapfte, nen Fünfer glatt. "Kannste
nich meckern!", lobt der Brandenburger. Mit Bier und Rucksäcken geht es ans Wasser, Klamotten runter und
ne Runde schwimmen. Zeltaufbau hat noch Zeit. Die 3-4 Motorboote am Steg
verraten die Herkunft vieler Gäste und hören auf die wunderschön klangvollen
Namen wie „Naumburg“, „Borna“ oder (mein Favorit) „Bad Langensalza“. Man macht
halt da Urlaub, wo es einem gut gefällt. Der Süddeutsche muss über die Alpen und
der Mitteldeutsche halt an die Ostsee bzw. auf einen Zeltplatz irgendwo im Wald
am Wasser. Konny hat heute ganz groß aufgefahren: Livekonzert! Heinz-Jürgen „Gotte“
Gottschalk, einer der Großen der DDR-Musikszene spielt auf. Bin ick wohl zu
jung für. Das Durchschnittspublikum gibt mir Recht. Alle, ja wirklich alle kannte
er. Silly, Tamara Danz, die Phudys, Karat, Stern-Combo Meißen usw… Über alle
kann er zwischen seinen auf der Gitarre vorgetragen Songs eine Anekdote
erzählen. Gute 3 Stunden spielt er Smokie, Canned Heat, Suzi Quatro, Beatles,
Beach Boys und eigene Titel. Es herrscht auffallend gute Laune. Kein Ostalgie-Kitsch,
einfach nur gute Laune. Dazu gibt es Schmalzstullen und Soljanka für nen
schmalen Taler. Zu später Stunde kann Konny auch nicht mehr stillhalten und
fegt eine paar Furchen durch die wenigen Tanzenden. Das Letzte an was ich mich
erinnern kann, sind die Zugabe-Rufe Einzelner. Dann fallen die Augen zu. Knapp
30km fordern ihren Tribut.
18.08.2019 Warenthin – Schweinrich
Schade, so stimmungsvoll der gestrige Abend so verschlafen
der Tag danach. Insgeheim habe ich gehofft, dass Konny am Morgen ihren Kiosk
öffnet. Wo kriegt man hier sonst seine BILD her? Leider katert Konny aber aus
und so wird routiniert gefrühstückt. Kaffee schwarz aus der French Press und
Porridge. Die heutige Etappe führt uns erst nach Nordwesten Richtung
Flecken-Zechlin. Keine festen Straßen mehr, nur noch Wald und Wasser.
(Folgender Absatz enthält Sarkasmus): Die ersten Spuren von Zivilisation auf
die wir heute treffen, sind Zeugen der DDR-Urlaubsmaschinerie. Gefühlt alle 200
m steht hier ein altes Ferienheim bzw. Ferienlager im Busch. Bis zur Wende der
jährlich wiederkehrende Traum eines jeden Werktätigen, konnte die
Heimatromantik nach 1990 mit Verlockungen ala Malle, Loret de Mare oder
Gardasee nicht konkurrieren. 30 Jahre später warten Heraklith (ugs.
Sauerkrautplatte) und Wellasbest auf den Zahn der Zeit. Dieser scheint aber
recht wenig Appetit zu haben. Wirkt ein wenig wie Prypjat nur ohne Strahlung.
Weil Entsorgung zu teuer und 100 m bis ans Wasser wahrscheinlich heute für den
naturverliebten Urlauber unzumutbar weit sind, entsteht 200 m weiter die Straße
entlang ein neuer großer Komplex einer Ferienhaussiedlung direkt am Wasser.
Musterhäuser stehen schon, A-Lage schon verkauft, alle an privat, willkommen in
der gated community. Urlaub in Brandenburg, nur ohne Land und Leute halt. Was
im Mittelmeerraum schon lange den Socken-in-Sandalenträger über die Alpen zieht
ist vielleicht auch ein Konzept für andere touristisch schwächelnde Regionen
innerhalb Deutschlands. Schönste Gegend nur ohne Einheimische. Kurz vor Mittag
erreichen wir Flecken Zechlin. Der Ort liegt oberhalb des schwarzen Sees und
rahmt den See von drei Seiten her ein, dass er wirkt wie ein erloschener
Vulkankrater.
Zwischen erstem und zweitem Weltkrieg mauserte sich Flecken
Zechlin zu einen Erholungsort
überregionaler Bedeutung. Ein Bahnanschluss von Rheinsberg her und von dort aus
über Löwenberg (Mark) weiter nach Berlin, war die logische Konsequenz. 1926
eröffnet, 1945 wieder abgebaut und als Zweitverwendung diversen
Infrastrukturmaßnahmen im fernen Sibirien zugeführt worden. Der Ort ist aber
auch ohne Bahn gut auf seine Besucher eingestellt. Die Touristeninformation hat
geöffnet. Am Sonntag! Chapeau! Wir brauchen neues Kartenmaterial. Hoch und heilig,
mit erhobener Hand und Indianerehrenwort muss ich der Verkäuferin schwören, bei
der Querung der Kyritz-Ruppiner-Heide auf der Landstraße zu laufen. Finger hintern
Rücken gekreuzt! Aber dazu später mehr. Hunger! Direkt am Ufer des Sees liegt
die Fischerei. Immer dem Geruch von frisch geräuchertem Fisch nach.
Selbstbedienung. Fangfrischer Fisch für nen schmalen Taler direkt am Wasser.
Die Sonne scheint, das Lübzer schmeckt. Das Gewässer ist über einen Kanal mit
den Rheinsberger Seen, weiter mit der Mecklenburger Seenplatte, der Havel, der
Elbe, und somit indirekt über den Seeweg mit New York, Rio und Sydney verbunden.
Alle Seefahrer können direkt hier beim Fischer anlegen. Es ist Mittagszeit beim
Fischer.
Was heute unter dem Synonym „Kyritz-Ruppiner-Heide“
als Landschaftsschutzgebiet in der Karte auftaucht, war bis 1994 ein etwa 120! km²
Sperrgebiet, besser bekannt unter dem Namen „Truppenübungsplatz Wittstock“.
Über 40 Jahre lang haben die russischen Streitkräfte an einer originalgetreuen
Nachbildung der Mondoberfläche gearbeitet. Um von Ort A westlich zum Ort B
östlich des Areals zu gelangen brauch man heute nur etwa 6km. Vor der Wende
musste man dafür etwa 35km Umweg in Kauf nehmen. Bundesweit unterstütze Bürgerinitiativen
sorgten dafür, dass die Bundeswehr, die ein Auge auf das Gelände geworfen hatte,
im Jahr 2010 keinen Bedarf bzw. Bock mehr auf einen Tiefflugbombenabwurfplatz
mehr hatte und die Heide endlich wieder frei war. Nur wenige Anwohner waren
traurig. Möglicherweise jene, die auf einmal mit Durchgangsverkehr leben
müssen. Für Reisende sind genau zwei Weg der Querung nur in ost-west-Richtung
möglich. Im Süden auf der Sielmann-Route nur zu Fuß oder per Rad, im Norden
gibt es nur den Highway nach Wittstock und weiter zur A24. Kein Fuß- bzw.
Radweg. Selbstmörderisch. Wir entscheiden uns, verbotenerweise, für die „alte Lutterower
Landstraße“ die auf dem Gebiet des ehemaligen Truppenübungsplatzes nur noch in
Fragmenten erhalten ist. Ab und zu sind rechts und links des Weges kurze Stäbe
mit weißen Plastikwimpeln in den Boden gerammt. Wir wollen nicht wissen was da
liegt. Wir verlassen den Weg nicht. Es ist eindrucksvoll.
Die Heidelandschaft
schreit in allen Farben. Grelles pink, giftgrün, signalgelb bedeckt den Märkischen
Sand. Ich muss Alina später Bilder im Netz zeigen um ihr zu erklären wie es
hier noch vor 20 Jahren aussah. Sandwüste bis zum Horizont und noch weiter. Und
heute? Die höchsten Pioniergewächse ragen 10m und höher in den Himmel. Alina stoppt.
Vor uns, etwa 50m entfernt, tritt eine Hirschkuh aus dem Dickicht hervor. Sie
schaut geradeaus, bemerkt uns nicht und verschwindet wieder. Bevor ich länger
drüber nachdenke was die Dame hier im Hellen so treiben mag, folgt ihr der
Grund. Wow! Papa Hirsch ist ein Vieh was sich so mancher Zoo wünschen würde.
Soviel Holz auf dem Kopf. Ein Riese. Man wähnt einen Elch vor sich. Er bemerkt
uns, aber wir stellen wohl keine Gefahr dar. Außerdem ist da noch die Sache mit
den Hormonen. Also wird der Dame nachgestellt. Wir bleiben stehen und versuchen
für Erlebtes Worte zu finden. Außerdem müssen wir noch die dicht bewachsene
Stelle passieren wo das Wild querte. Wir unterhalten uns sehr, sehr laut und
ich klatsche mehrfach in die Hände als wir besagte Stelle passieren um ein
Zusammentreffen (wenn auch unwahrscheinlich) mit diesen Giganten zu vermeiden. Sie
sind bestimmt schon weit entfernt.
Das Wetter wechselt. Aus wechselnder
Bewölkung wird dichte Bewölkung, wird Niesel. Es geht stur geradeaus, jetzt das
letzte Stück leider auf der Straße. Das Stück ist so abwechlungsarm, dass wir
beginnen die Begrenzungspfosten entlang der Straße zu zählen. 32! Kein Blick
mehr für die Landschaft und Reste russischer Militärliegenschaften. Nur nicht
überfahren werden.
Der erste Ort westlich der „Freien Heide“ ist Schweinrich.
Unser Tagesziel, der Campingplatz am Dranser See, ist nicht mehr fern. In der
Ortsmitte fängt es richtig an zu regnen. Im Schutz der Bushaltestelle wird der Regenschutz
angelegt. Abwarten? Ach was! Ist doch nicht mehr weit. Klitschnass erreichen
wir etwa 2km weiter den Zeltplatz. Wir sind das einzige Zelt. Mal wieder freie
Platzwahl, direkt am Ufer. Der Kiosk/Restaurant/trockener Sitzplatz hat
geöffnet und uns wird ein herrlicher hausgemachter Linseneintopf mit Bockwurst
kredenzt. Essig und Zucker stehen schon auf dem Tisch. Dazu Bier vom Fass. Die
Bedienung setzt sich zu uns, muss auch mal was essen. Man kommt ins Gespräch.
Hier is herzlich. Hier is echt. Die Regensachen trocknen. Schweren Herzens verkneife
ich mir wieder den Fuji (Goldkrone & Cola). Gute Nacht.
19.08.2019 Schweinrich - Wittstock/Dosse
Nass war die
Nacht. Weniger von oben als von unten. Die Wiese war nach dem gestrigen Guss
noch triefend feucht. Und obwohl sämtliches, für den Schlaf unnötiges, in die Regenüberzüge der Rucksäcke eingepackt
war, fühlt sich alles ein wenig ihhhh an. Wir haben aber Zeit heute und müssen
uns beim Einpacken nicht allzu sehr beeilen. Die heutige Etappe soll in
Wittstock enden, nur 12 km entfernt. Das Wetter ist super. Wir genießen noch
einen Kaffee auf dem Bootsanleger mit Blick über den See. Wie auf jedem
Zeltplatz herrscht auch hier schon um 08:00Uhr emsiges Treiben. Vati muss den
Fisch fürs Mittag ausnehmen und Mutti die Gardinen vom Vorzelt waschen (nicht
ohne vorher nochmal ordentlich durchgefegt zu haben). Obwohl hier jeder
beschäftigt scheint, erregen wir beide, in dem Zelt mit der Größe einer durchschnittlichen
Hundehütte, viel Neugier und Aufmerksamkeit. Ganz zufällig werden wir beim
Abmarsch noch in einem Smalltalk verwickelt. Woher; wohin; Wetter: muss ja und
soll besser werden, Rucksack groß; Zelt: jaja was Besonderes; schönen Tag noch!
Der Wind geht in Böen als wir das Ufer des Dranser Sees in Richtung des Ortes
Dranse verlassen. Licht und Schatten im schnellen Wechsel der vorbeigeschobenen
Wolken. Am Ortseingang verlassen wir die Straße und schwenken westwärts auf den
alten Bahndamm ein. Bis in die späten 90er Jahre wurde der Schienenbetrieb
zwischen Wittstock und Mirow, also quasi Grenzverkehr Mecklenburg-Brandenburg,
aufrechterhalten, aber wegen mangelnder Fahrtgastzahlen und demographischer
Entwicklungsprognosen eingestellt. Auf der Strecke ist bereits alles demontiert
nur die zu Wohnhäusern umgenutzten Bahnhöfe lassen früheren Bahnbetrieb
erahnen. Schnurgerade geht es die etwa 5km den langsam verwildernden Bahndamm
entlang. Auf den kargen Untergrund tobt das Leben. Eidechsen, Frösche, Heuschrecken
und Schmetterlinge ringen um den besten Platz an der Sonne.
Am ehemaligen Bahnhof in Groß Haßlow legen wir eine kurze Pause ein. Ab hier ist der Bahndamm leider nicht weiter passierbar, wie ich aber kürzlich der Presse entnehmen konnte, ist der Ausbau des Dammes zu einem Radweg geplant. Somit wäre Wittstock mit Mirow, einem Tor zur Mecklenburgischen Seenplatte verbunden. Aus touristischer Sicht sinnvoll, wenn auch spät. Wir wandern über die wenig befahrene Ortsverbindungsstraße, vorbei an Windrädern und blühenden Rapsfeldern nach Klein Haßlow. Von hier aus sieht man schon die ersten Umrisse unseres Etappenziels Wittstock. Der ausgebaute Rad- und Fußweg zieht sich.
Entlang von Schrebergärten mit Blick auf die Plattenbausiedlung mit Schultyp Erfurt erreichen wir Wittstock aus Richtung Nordosten. In Wittstock ist nix mit Zelten, daher hat Alina in einer günstigen Minute, als mobiles Internet und Telefonnetz gleichzeitig verfügbar waren, in Wittstock ein Zimmer für eine Nacht klargemacht. Der „alte Schwede“ muss wohl Mitte der Neunziger wohl noch ein Hotel gewesen sein, ist mittlerweile nur noch eine Monteursabsteige. Schlüsselübergabe, Barzahlung, danke. Das Zimmer ist in Ordnung, mit Eckbadewanne. Für eine Nacht ok.
Stadtrunde: Wittstock hat sich rausgeputzt, die Landesgartenschau wird in diesem Jahr hier ausgerichtet. Das gestaltete Gelände zieht sich entlang eines großen Stückes der etwa 2,5 km langen Stadtmauern. Am größten Teil der innerstädtischen Bebauung sind DDR-Umgestaltungsorgien spurlos vorbeigegangen, was allerdings nur heißt, dass die Innenstadt zur Wende ganz schön runter war. Heute residieren Verwaltung und Polizei in historischen Gemäuern.
In der Touristeninformation am für heutige Verhältnisse viel zu groß dimensionierten Bahnhof besorgen wir uns eine Karte der Prignitz die den Rest der Reise bis Wittenberge abdeckt.
Vor dem Bahnhof kann ich Alina noch mit
meinen eingestaubten Russischkenntnissen imponieren, als ich ihr die
Inschriften der Grabsteine russischer Gefallener vorlesen kann. Die 5 Jahre
waren also nicht umsonst. Richtung Innenstadt noch einmal entlang der
Stadtmauer, Wiekhäusern und Wallanlagen suchen wir uns was zu beißen. Die Wahl
fällt auf einen Italiener in einer Gasse am Markplatz. Es schlemmt sich
hervorragend. „Kannste nich meckern.“ Zurück in der Unterkunft treffen wir noch
ein paar Handwerker, die ihre Auslöse sparen und sich scheinbar nur von Bier
und Zigaretten ernähren.
20.08.2019 Wittstock – Beveringen
Völlig überraschend gab es in unserer zwei Sterne Unterkunft kein Frühstück; vielleicht auch besser so. Gegenüber befindet sich aber ein Bäcker, der uns mit einem mehr als üppigem Omelette und ausreichend Kaffee auf Spur bringt. Wir verlassen Wittstock Richtung Bahnhof und dann weiter durch das Gewerbegebiet immer an der Bundesstraße entlang. Vermutlich nicht die reizvollste Strecke, aber die kürzeste. Die leichte Steigung zwischen A19 und A24 (wir kratzen an der 100 m Marke) dürfte für eine Weile der letzte längere Anstieg für uns gewesen sein. Wir verlassen die Dosseniederung und betreten die Prignitz. Die höchste Erhebung liegt bei gerade einmal 152 m. Selbst die nicht gerade selten vorkommenden Windräder sind höher… Ab jetzt dominieren Äcker und Wiesen die Landschaft, durchzogen von mit Eichen gesäumten Alleen und Weiden bewachsenen Flüssen und Bächen. Am Ortseingang von Heiligengrabe wird noch einmal mit Kaffee gedopt. Jetzt sind wir gewappnet für ein bisschen Kultur.
Das Kloster
Stift zum Heiligengrabe wurde schon im 13. Jahrhundert gegründet und führte zur
ersten Urbarmachung der Landschaft. Die weitläufige Klosteranlage samt
Blutkapelle, Kaiser-Fenster und Damenplatz gilt als eine der besterhaltenen in
Brandenburg. Nur die Gastwirtschaft hat leider nicht überlebt. Wo vor kurzem
noch Geburtstag gefeiert wurde, ist heute alles finster. Gibt also keinen
Kuchen für uns.
Hinter dem Klosterstift finden wir einen kleinen, schmalen Weg, der uns durch den Wald direkt zum Bahnhof Heiligengrabe bringt. Eine willkommene Abwechslung zur bisherigen Strecke. Während die Straßen von alten Alleebäumen begleitet werden, sind die Feldwege eher mit Hecken und Obstbäumen bestellt. Es gibt also jede Menge Gelegenheiten den ersten leicht aufkommenden Hunger mit Zwetschgen, (meist noch sauren) Äpfeln oder Marillen zu bekämpfen.
Hinter Wilmersdorf (Prignitz) suchen wir uns
ein schattiges Plätzchen und legen wir eine Pause ein. Wir verspeisen die Reste
unsere Frühstücksomelettes und werden ein zweites Mal mehr als satt davon! Der
Feldweg führt uns auf direktesten Wege (geradeaus können sie echt hier in
Brandenburg) bis Alt Krüssow. Ab jetzt heißt es wieder Straße laufen. Auf
schnurgeraden Alleen geht es weiter bis Beveringen. Spätestens jetzt sieht auch
der nicht-Geograf, dass sich die Landschaft eindeutig geändert hat: Ungestörte
Sicht auf die zahlreichen Windräder und zu ihren Füßen flache Wiesen, kleine
Bäche mit großen Weiden und Äcker mit ihren winzige Seen. Im Luftbild sieht es
aus, als hätte die Landschaft Sommersprossen.
Wir sind schneller vorangekommen als gedacht (muss am Omelette gelegen haben). Schon am Nachmittag sitzen wir gemütlich auf der Terrasse und werden hervorragend bewirtet. Und endlich gibt es Kuchen!
Hinter dem Klosterstift finden wir einen kleinen, schmalen Weg, der uns durch den Wald direkt zum Bahnhof Heiligengrabe bringt. Eine willkommene Abwechslung zur bisherigen Strecke. Während die Straßen von alten Alleebäumen begleitet werden, sind die Feldwege eher mit Hecken und Obstbäumen bestellt. Es gibt also jede Menge Gelegenheiten den ersten leicht aufkommenden Hunger mit Zwetschgen, (meist noch sauren) Äpfeln oder Marillen zu bekämpfen.
Wir sind schneller vorangekommen als gedacht (muss am Omelette gelegen haben). Schon am Nachmittag sitzen wir gemütlich auf der Terrasse und werden hervorragend bewirtet. Und endlich gibt es Kuchen!

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