Vorhang auf! Here comes the ICT

Den ICT "iron curtain trail" also den eisernen Vorhang, die ehemalige innerdeutsche Grenze zwischen DDR & BRD oder auch "grünes Band" zu bereisen hatten wir schon länger in Hinterkopf. Uns interessierte einfach wie viel von der größten und wahrscheinlich unüberwindbarsten Grenze nach der chinesischen Mauer und dem Limes, über 30 Jahre nach seines Funktionsverlustes noch zu erkennen ist oder sogar die Landschaft prägen.


Eines vorweg: hüben wie drüben existiert ein großer Teil noch in den Köpfen. Erlebnisberichte folgen.

Aber fangen wir vorne an. Ohne zu tief in die Geschichte des antifaschistischen Schutzwalls einzugehen, entwickelte er sich im Laufe der Zeit von einer Demarkationslinie zwischen zwei unterschiedlichen Systemen zu einer am Ende in punkto Perfidität und Menschenverachtung den Faschisten (vor denen er schützen sollte) in nichts nachstehendem Adsurdum. Minenfelder, Sperrgebiete, Selbstschussanlangen, Signaldrähte, Hundelaufanlagen, Schießbefehl, schwer vorstellbar heute. Wirkt wie Mittelalter. Und ist dann doch erst 30 Jahre her. Die knapp 1.400 km der Grenzlinie sind heute Teil von 9 Bundeslandgrenzen zwischen Ostsee und Vogtland. Während das "grüne Band" als Wanderweg sich sehr genau an den Grenzverlauf hält, springt der ICT als mit dem Rad zu befahrender Weg immer wieder zwischen ehem. Ost und ehem. West hin und her. Somit führt uns der Weg auch immer wieder durch grenzanreinende Ortschaften. Historische Gemeinsamkeiten und auffällige Unterschiede aufgrund differenzierter Entwicklung in 4 Dekaden der räumlichen Trennung werden so er"fahr"bar.

 
Der aktuellen Bikepacking-Ästhetik widersprechend wurden beide Räder mit Gepäckträgern versehen. Das sieht zwar nicht mehr so cool aus, als würde man mal kurz nach der Arbeit mit einer Lenker-, Oberrohr- und Satteltasche, auf einen Esspresso am Gardasee, die Alpen überqueren, dafür konnten wir mit den Dimensionen unserer Packtaschen völlig autark unterwegs sein. Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Kocher und Geschirr und sogar Zivilklamotten für zwei Wochen finden Stauraum, sitzen bombensicher und wirken sich nur wenig auf den Fahrkomfort aus.
Aus logistischen Gründen fahren wir von Nord nach Süd. Geplant war es andersherum aber aus Lübeck hätte es im gleichen Jahr keine Fernverkehrsverbindung mit Fahradmitnahme Richtung Wohnort in Süddeutschland gegeben. Also Räder, Gepäck und Fahrer ins Auto und ab nach Lübeck!

Lübeck - Groß Zecher (Schalsee)

High Noon: Ross und Reiter parken am Lübecker Hauptbahnhof. Die Sonne steht im Zenit. Die Athleten präparieren das Material und sich selbst. Das Auto bleibt jetzt hier drei Wochen stehen. Heute stehen zu Beginn lockere 70 km an. 

Die Route führt am Holstentor vorbei, durch die Innenstadt gen Süden immer entlang am Ufer der Wakenitz, bis ans Ostufer des Ratzeburger Sees. Hoch, runter, zweimal rechts und einmal links erreichen wir unser Tagesziel, den Zeltplatz Groß Zecher am Westufer des Schalsees. Die letzte Eiszeit hat uns bis hierhin in Summe 500 Höhenmeter unter die Reifen gelegt. Nix mit flach im Norden, fast so hügelig wie das Dachauer Hinterland. 

Die Versorgungslage am Zeltplatz = 0, die Versorgungslage im nahen Ort = 0, aber der Zahn ist hohl, die Beine weich und der Magen knurrt. Also Zelt aufgebaut, einmal in den See gesprungen, das Gepäck verstaut und nochmal die Pferde gesattelt geht es rüber in den Osten, 5km nach Zarrentin. Bei Trinkerbedarf Steffen gibt es einfache, aber gute deftige Kost (für Kenner: Steak au Four) und Gambrinus vom Fass. Hier im Biergarten kann man es aushalten. Wir kommen mit einem Herren aus Ingolstadt ins Gespräch. Dieser hat genau die Strecke schon in den Beinen, die wir noch vor uns haben und Infos nehmen wir gern auf. Zum bersten gefüllt geht es die letzten 5km wieder in den Westen auf den Zeltplatz. Beine, Gelenke und Rücken ok, Arsch bittet um Kenntnissnahme. Alles in Allen ein erfolgreicher erster Etappentag. Gute Nacht.

Groß Zecher - Dömitz

Heute geht es bei Zeiten los. Die Richtung ist vorgegeben, das Tagesziel noch nicht bekannt. Wir frühstücken beim Bäcker in Zarrentin den wir am Vorabend erspäht hatten. Nach etwa einer Stunde Fahrt queren wir die Transitautobahn A24 über das Gelände des ehemaligen Grenzübergangs Gudow/Zarrentin. Das Gelände ist heute viel flacher. Die Sonne beginnt zu brennen. Es geht kilometerweit geradeaus, rechtwinklig nach Süden, kilometerweit geradeaus, und so weiter. Die Landschaft wechselt zwischen Kiefernwald und einer Art Heidelandschaft. 

 

Vorbei am Gartenschläger Eck Richtung Büchen biegen wir kurz vor Ortseingang auf den Radweg am Lübeck-Elbe-Kanal Richtung Lauenburg ab. Feinster Schotter und Schatten spendende Böschung lassen entspannt dahin rollen. An der Mündung in die Elbe biegen wir gen Osten nach Boizenburg ab. Der Elbberg vor der Stadt stellt die erste große Anstrengung dar. Oben angekommen gibts im umgebauten Grenzübergang "Checkpoint Harry" nen schnelles Radler. In die Innenstadt geht es nur noch bergab und beim Italiener werden ordentlich Kohlenhydrate gebunkert. Gegen Mittag zeigt der Tacho 65 km an. Nach dem Mittag geht es gestärkt auf den Elbdeich, immer flussaufwärts.


Nach 10-12km wechseln wir mit der Fähre bei Bleckede die Flussseite nach Niedersachsen. Hier ist es zwar welliger aber dafür gibt es Schatten. In Neu-Darchau gibt es einen Kaffee und ein Liter eisgekühltes Wasser auf ex bevor es mit der Fähre wieder auf die andere Seite geht. Es ist richtig heiß. Kein Baum steht. Kein Wind geht. 35km noch. Das inzwischen ausgewählte Tagesziel heißt Dömitz. Eine Kleinstadt mit Zeltplatz an der Elde. Endspurt! 


Ankunkft, der Zeiger bleibt bei 130km stehen. Zelt aufbauen und duschen. Zwei drei Limonaden im Supermarkt besorgt und zum Abendessen gegenüber in die Creperie La Taverne. 5 Sterne! Sehr stilecht gibt es Cidre aus dem Schälchen. Der Körper hat Farbe bzw. Streifen bekommen. Der Kopf ist frei. Tag 2 fühlt sich an wie die dritte Woche Urlaub. Das gegenseitige Angesafte eines Rentnerpärchens begleitet uns die 5 Minuten bis in die Tiefschlafphase. 

Dömitz - Arendsee (Altmark)

Heute soll es noch heißer werden. Kaum vorstellbar. Obwohl wir zeitig starten ist von morgentlicher Frische nichts zu spüren. Kein Wölkchen am Himmel, kein kühlendes Lüftchen, nur gleißende Sonne und heißer Dünensand. Wer jetzt schon an Hitzschlag denkt, der irrt. Es handelt sich weder um eine Fatamorgana noch um das Intro zu Lawrenz von Arabien, sondern um die größte Binnenwanderdüne Europas! ein Überbleibsel der letzten Eiszeit -auch das klingt ob der Temperaturen nicht richtig. Der einzige Hinweis darauf, dass wir uns doch im Nordosten Deutschlands befinden sind die Kiefern, die man vor gut 100 Jahren auf die Düne gepflanzt hat, um ihr weiteres Fortkommen zu unterbinden. 

A propos Fortkommen. Auf auf, wir düfen nicht trödeln. Im gemütlichen Tempo durchqueren wir die Lenzer Wische, die bei den jetzt schon herrschenden Temperaturen eher an afrikanische Wasserlöcher als an ein brandenburgisches Feuchtgebiet erinnern. Auf Höhe Lenzen legen wir das erstemal eine kurze Pause im Schatten eines Baumes ein. Hinter uns thront der Wachturm. Wir sehen zu wie die Elbfähre einige e-Biker von Niedersachsen nach Brandenburg befördert und schwingen uns wieder auf die Räder. 

Nach etwas mehr als 2 Stunden verlassen wir die Elbe. Ilka bring uns trockenen Fußes an das westliche Elbeufer. Der Fährführer verspricht uns einen Imbiss und Currywurst in Schnackenburg. Und er hat uns nicht belogen. Die ersten beiden Flaschen Wasser sind schon vernichtet bevor auch noch das Frittenfett ordentlich heiß ist. Es liegen "nur" noch etwa 20 km vor uns. Noch ahnen wir aber nicht wie lange diese werden können. 


 
Mit jedem Kilometer steigt die Temperatur. Der leichte Gegenwind fühlt sich an, als würde man in einen Heißlüfter blicken. Wir nehmen jeden noch so kleinen Schatten mit, der sich uns bietet, aber selbst aus den Wäldern strömt uns nur warme Luft entgegeben. Die Abstände zwischen den Pausen werden immer kürzer.
In Arendsee scheint die zeit still zu stehen. Wir durchqueren die Ortschaft -high noon. Kein Mensch auf der Straße. Vom ehemals nicht unbedeutenden Tourismus (trotz Grenznähe) scheint nicht mehr viel übrig -oder liegt es doch nur an den Temperaturen?
Wir rollen auf jeden Fall gegen halb zwei auf unseren Campigplatz, plündern den Kühlschrank und werfen uns in den Schatten. Am späten Nachmittag machen wir uns auf den Weg zum Fischer - zu Fuß. Der Hintern dankt es. 

Arendsee (Altmark) - Breitenrode

Die Nacht war so warm, dass wir nur das Überzelt aufgestellt haben. Am Morgen beginnt es leicht zu tröpfeln und der Schlafsack muss wenigstens als Decke mal herhalten. Der Zeltplatz bietet ein komplettes Frühstück an, eine Offerte zu der wir nicht nein sagen. Wir sitzen kurz vor 09:00Uhr auf den Rädern. Heute heißt es Wendland und Altmark. Sehr sehr dünn besiedelt mit viel Gegend auf beiden Seiten. Das Wetter scheint unentschlossen. 
 

 
Nach 25 km im Norden von Salzwedel das erste Relikt aus DDR-Zeiten, ein BT 4x4. Die großen Beobachtungstürme waren als Leitstelle immer besetzt. Signal- und Funktechnik liefen hier zusammen. In Wustrow (Wendland) gibt es eine Kaffeepause und 2-3 süße Stimmungsaufheller im lokalen Edeka. Ein Mitarbeiter sucht auf Nachfrage das ganze Lager nach einem Fläschchen Kettenöl ab. Er wird fündig zu unserer Freude. Das trockene und heiße Wetter, dazu die staubigen Pisten, haben den metallischen Glanz der Ketten verschwinden lassen und im Gegenzug dafür Quietschen und Rasseln heraufbeschworen. 
 
Hier in der Gegend scheint in einigen Orten die Zeit stehen geblieben sein. Einerseits das Wendland mit Alternativ-, Yoga- und Künstlerhöfen und auf der anderen Seite die Altmark mit ihren landwirtschaftlichen Großbetrieben deren Bauten zweifelsfrei als DDR-Pracht zu identifizieren sind. Nur was den Fahrkomfort auf der Route betrifft gibt es keinen Unterschied. Egal ob Kopfsteinpflaster oder Plattenweg, beides fährt sich gleich bescheiden. Der nächste größere Ort mit Infrastruktur der diesen Namen verdient hat, ist die niedersächsische Endlkave Brome. Es ist wieder heiß geworden und die Pause beim Bäcker tut gut. 90km sind rum. Die Dichte an Werkskennzeichen im Straßenverkehr lässt erahnen, dass ein Großteil der Bevölkerung einer Tätigkeit im nahen, 1938 errichteten Automobilwerk nachgeht. Beim Verlassen des Städtchens Richtung Süden kreuzen wir wieder die Grenze am Grenzlehrpfad Böckwitz. Hier sind gute 100m der ehemligen Grenzanlagen in den verschiedenen Ausbaustufen aufgebaut. Vom Bretterzaun über den doppelten Stacheldrahtzaun, Betonmauer bis zum verminten, mit Signaldrähten und Selbstschussanlagen versehenen Schutzwall. Panzersperren, Einmannbunker und Beobachtungsturm runden das Ganze ab.
 
 
Die letzten 20km geht es schnurgeradeaus durch den Drömling, ein auf Geheiß von Friedrich dem Großen entwässert und nutzbar gemachtes Sumpfgebiet. Das Biosphärenreservat beheimatet Unmengen an Vögeln. Wir überqueren den Mittellandkanal, lassen den Drömling hinter uns und legen gemütlich die letzten Kilometer des Tages zurück. Das Hotel in Breitenrode bietet warme Küche, frisch Gezapftes aber vor allem, nach bis jetzt 400 zurückgelegten Kilometern, eine heiße Dusche und ein festes Bett.


Breitenrode - Wasserleben

Zwei mal 90 cm für jeden. So luxuriös haben wir die letzten Nächte nicht geschlafen, zumindest wenn man Luxus mit Bewegungsfreiheit beim Schlafen gleichsetzt (ich bin mir nicht sicher, ob unser Zelt in Gänze 90 cm in der Breite misst).
Nicht lange nach unserem Start erreichen wir Lockstedt und damit das Tal der Aller. So langsam verabschiedet sich die sandige norddeutsche Tiefebene und der Ausbiß der Weferlinger-Schönebecker Scholle grüßt uns. Der Wechsel macht sich auch bei den Gebäuden bemerkbar. Backstein weicht Kalkstein - zumindest bei den älteren Gebäuden (na gut Kirchen). 
 
 
Wir wundern uns über die vielen Radwanderer, die uns plötzlich begegnen. So einen Radverkehr haben wir seit der Elbe nicht mehr erlebt. Scheinbar folgt unsere Route dem uns vollkommen unbekannten Allerradweg, der aber irgendwie beliebter zu sein scheint, als unsere Tour.
In Beendorf verlassen wir dann das Tal und nähern uns unserem ersten kleinen Härtetest. Ein knackiger Anstieg auf den uns bereits vertrauten Lochplatten. Oben angekommen geht es fast genauso anstrengend weiter. Der Weg scheint wenig befahren zu sein. Erst als wir auf einen Wirtschaftsweg treffen fährt es sich wieder angenehmer.
Nach gut 30 km erreichen wir die A2 und damit die ehemalige Grenzübergangsstelle (GÜSt) Marienborn, einst der wichtigst Kontrollpunkte zwischen Ost und West. Die heutige Gedenkstätte Deutsche Teilung befindet sich auf der in den 1970er Jahren neu und deutlich größer errichteten GÜSt.
 
Die Vergrößerung war notwendig um dem gestiegenen Reiseverkehr, nicht zuletzt aufgrund des Transitabkommens 1972, Herr zu werden. 1000 Personen, die im Dreischichtsystem damit beschäftigt sind feindliche Einflüsse aus dem Westen abzuwehren. Unvollstellbar. Abfertigungsbereich, Zollbereich,  Wechselstuben und natürlich so einladende Einrichtungen wie die Durchleuchtungskontrolle, die Beschaubrücke und die Kontrollgaragen. Der ganze Irrsinn bekommt noch mal eine neue Dimension, wenn man sich die Erfahrungsberichte im Museum zu Gemüte führt. Dass das ganze erst 30 Jahre her sein soll will mir nicht in den Kopf. So weit weg erscheint mir die Vorstellung innerhalb Deutschlands -soger innerhalb Europas- nicht frei reisen zu können.
 
  


Passend zum tristen Wetter gibt es noch ein trauriges Mittagessen an der Raststätte, dann geht es weiter. Wir schlängeln uns vorbei an Tagebauen, die normalerwerise vor nichts haltmachen, außer sie treffen auf Grenzen. Wir treffen erneut auf Grenzanlagen. In Hörtensleben befindet sich eines der umfangreichsten Zeugnisse der DDR Grenzbefestigung. 

 
Ab jetzt beginnt der kräftezehrendste Teil der Etappe. Der Untergrund ist unglaublich schlecht, wechselnd, aber immer schlecht. Wir haben Gegenwind und davon ebenfalls nicht zu wenig. Schultern, Nacken und Hintern schmerzen. Alles schreit nach Pause.
In Wasserleben steuern wir einen kleinen Supermarkt an. Es gibt Zucker für die Laune, Getränke gegen den Durst und etwas Verpflegung. Unser heutiges Lager liegt idyllisch auf einem Bauernhof. Wir freuen uns über eine freie Übernachtungsmöglichkeit, der Hund freut sich über unsere Streicheleinheiten und der Nachwuchs über die beiden komischen Fremden, die er mit Fragen löchern kann; nur die Pferde sind noch unschlüssig was sie von den beiden Fremdkörpern auf ihrer Koppel halten sollen.
 

Wasserleben - Walkenried

Der Tag bricht an. Der Harz, nur 10km entfernt, wäre zu sehen, wenn das Wetter nicht mit dem falschen Fuß aufgestanden wäre. Auf dem Hof herrscht Stille. Zwei Pferde stehen, eines liegt, aber alle mit der Kehrseite zu uns gewandt. Schon gut, wir verlassen eure Wiese. Frühstück fällt aus, es sind nur 10km bis Ilsenburg. Dort wird sich eine Bäckerei für ein Frühstück finden. Von Venckenstedt nach Ilsenburg geht es am gleichnamigen Fluss (Ilse) entlang und in der Innenstadt gibt es einen Bäcker direkt neben einem Fahrradladen. Kaffee, Brötchen und Fachsimpeln mit dem Chef. Hier könnte ich viel Zeit verbringen, aber die Reifeprüfung steht vor uns. Und wie! Die ersten 100 Höhenmeter auf Touripfaden sind leicht erklommen. Dann geht es aber irgendwann links weg und bergauf. Die Übersetzung kommt an ihre Grenzen. Ab und zu muss zickzack gefahren werden. 
 
Der Wald lichtet sich, das Gelände flacht ab. Den Blick nach rechts bzw. Westen gewand, da zeigt er sich: der Brocken! Wir bleiben aber auf etwa 700m üNN. Es ist zugig oder auch einfach kalt. Die Kleidung wird nochmals angepasst. 
 

 
Durch recht unwirkliches Gelände auf Schotterpfaden führt der Weg gen Süden vorbei an Blockmeeren und Windwurf. Die erste größere Abfahrt steht an. Wir lassen die Sau ordentlich fliegen. Im Naturerlebnishof wird einkehrt auf ein Weizenbier mit Schmalzstulle und Erseneintopf mit Bockwurst. Königlich! 
 

Vorbei am Bahnhof drei Annen Hohne geht es mehr oder weniger parallel zur Harzer Schmalspurbahn nach Elend. Der Name ist Programm. Wenig bis nix los. Am Ortsausgang biegen wir nach Süden Richtung Sorge ein (Wortwitze kann jeder sich behalten). Vorbei an den Liegenschaften der alten Grenzkompanie kreuzen wir zum x-ten Mal die Brockenbahn. Ein guter Halt, Postkartenmotiv. Die Bahn braust unter Volldampf vorbei und der Brocken im Hintergrund zeigt sich wolkenlos. 
 
 
In Elend geht es knackig bergauf. Ab hier heißt es wieder Kolonnenweg und auch hier stehen noch Teile der Sperranlage. Es geht straff auf (20%) und ab. Alles auf den Lochplatten. Es knallt ordentlich ab und zu. In Hohegeiss befinden wir uns wieder in Niedersachsen. Auch dort ist mal wieder die Zeit stehen geblieben aber nicht so auf die schmierig romantische Art sondern eher auf die eieieiei-Art. Ganz ganz viel heruntergekommener Charme der 70er und 80er Jahre als die Urlauber noch in Strömen kamen, zum Wandern, Skifahren und für den Nervenkitzel an der Zonengrenze. Aussichtsturm inklusive. Von hier aus freier Fall auf Asphalt bis nach Zorge. Die Packtaschen wirken wie Bremsschirme und eine maximale Übersetzung von 40x11 lassen mehr als 60km/h einfach nicht zu. Der Harz ist aus und wir erreichen das erste Mal Thüringen. In Ellrich führt uns der Weg über das Gelände eines ehemaligen KZ-Aussenlagers Ellrich-Juliushütte/Mittelbau II welches direkt im Grenzgebiet liegt und recht gut erhalten und gut dokumentiert ist. 
 
 
Von Osten her nähern wir uns dem Tagesziel Walkenried, wieder in Niedersachsen. Den Ort überstrahlen die riesigen Reste des Zisterzienserklosters aus dem 12Jh. Alles ein wenig wie in Im Name der Rose. Sean Connery huscht in Kutte um die Ecke. Der Zeltplatz unserer Wahl verkauft das Hopfenkaltgetränk gleich an der Anmeldung. Hervorragend. Der Rest ist ein wenig wie Camping am Gardasee. Auch preislich. Vor meinem inneren Auge taucht Otti Fischer am Steuer seines Hymermobils im Film Superstau auf. Zeltplatzgaststätte gibt es auch aber wir haben uns für die Pizzeria im Ort entschieden. Leider alles reserviert. Aber Pizza zum Mitnehmen? Kein Problem! Bierchen für die Wartezeit im Freien? Kein Problem! Toller Service und sehr bemüht. Wir zerreißen die Pizzen vor der Klosterruine. Ein hungriger Christian Slater schaut um die Ecke. Zurück auf dem Zeltplatz gibt es noch ein Bierchen von der Rezeption und wir prosten vor dem Schlafenfallen den Dänen links und den Holländern rechts zu. 

 

Walkenried - Eschwege

Heute geht es ins Werratal! Bis dahin stehen uns aber einige Kilometer und Höhenmeter bevor. Wir durchqueren mehrere Naturräume und alle scheinen durch Hügel und Senken voneinander getrennt. Tälern folgen wir heute erstmal nur selten. Blauer Himmel, leere Straßen. 
 

Der nächstgrößere Ort und auch unser erster Stopp auf der Route ist Duderstadt. Der Abstecher in die Stadt lohnt sich definitiv. Nicht nur, weil es die vermutlich einzige, halbwegs sichere Option auf ein Mittagessen ist. Die mittelalterliche Innenstadt besteht aus allerlei Fachwerk. Wir drehen eine Runde durch die Innenstadt. Schwer zu schätzen wie groß die Stadt wirklich ist. Durch die historischen Gebäude, die großen Kirchen und vor allem das nicht ganz kleine alte Rathaus wirkt die Stadt größer als sie vermutlich ist. Sehenswert ist sie aber allemal. 
 

Wir sind etwas früh dran, finden aber dann doch  noch ein geöffnetes Restaurant. Mit Pizza im Bauch und frischem Wasser in den Flaschen geht es wieder weiter, auf und ab entlang der niedersächsisch-thüringischen Grenze. Hoch und runter, hoch und runter. Nie sehr steil und nie sehr lange aber immer wieder. So läppern sich die Höhenmeter. Am Ende sollen es 1.300 hm werden. In Ermangelung größerer Ortschaften ist es schwer zu sagen wie weit wir schon gekommen sind. Plötzlich tauchen Arenshausen und dann auch schon bald Bad Sooden-Allendorf auf den Schildern auf und wir haben die Orientierung zurück. 

 
Die Abfahrt ins Werratal ist eine kleine Belohnung für die vorangegangene Schinderei. Schwups sind wieder 5 km geschafft und ganz benebei haben wir auch wieder die ehemalige Grenze überquert. Entlang der Werra führt ein schmaler, teils schattiger Fahrradweg am Fluss entlang. Wir folgen einer Damen-E-Biker-Gang in grashüpfergrünen Einheits-T-Shirts bis wir in Lindenwerra an der ehemaligen Stockmacherei halt machen. Wir gönnen uns ein schnelles Kaltgetränk und füllen die trotz mehrfachem Refill schon wieder trocken gefallenen Trinkflaschen. Es ist wieder heiß geworden und auch wenn die Strecke ab hier recht flach dahin geht, so schaffen uns doch die Temperaturen. 
Wir haben beschlossen bis Eschwege durchzufahren. Morgen ist Ruhetag geplant und der Campingplatz dort bietet Badesee und Waschmaschinen. Das eine von Vorteil, das andere von Nöten. Morgen soll es wieder Temperaturen weit jenseits der 30 Grad Marke geben -muss nicht sein. Um halb sieben rollen wir wieder ins Land des Spießbürgertums. Die Zeltwiese ist staubtrocken und so hart, dass wir ohne Hammer vollkommen verloren sind. Wir freuen uns auf die Dusche und auf Kulinarisches aus dem Campingplatz-Bistro.

Eschwege - Heringen

Gestern Abend haben wir uns noch geärgert, dass das angesagte Gewitter uns mehr als nur randlich gestreift hat und uns die damit einhergehende Abkühlung verwährt geblieben ist. Heute sehen wir das ganz anders. Zunächst fallen die Auswirkungen des Unwetters nur beiläufig auf. Jede Menge grünes Laub und kleinere Äste liegen verstreut über alle Straßen und Wege. Aber schon nach wenigen Kilometern wird das ganze Ausmaß sichtbar. Die Bäume stehen zur Zeit voll im Laub, so dass selbst kerngesunde Bäume mit beinahe meterdicken Stämmen der Windlast nicht standhalten konnten. Wären die fleißigen Gemeindemitarbeiter nicht schon frühzeitig unterwegs gewesen, wäre auf vielen Abschnitten kein oder nur ein sehr mühseliges Vorankommen mit viel Heben und Schleppen möglich gewesen. 
 

Da wir gefühlt im Kreis fahren, bewegen wir uns garnicht so weit weg von unserem Startpunkt. Der recht wilde Grenzverlauf macht es schwer sich zu orientieren und irgendwie ist Osten plötzlich im Westen... Wir folgen dem idyllischen Werratal meist auf oder entlang der alten Bahntrasse der Werratalbahn. Dieser Abschnitt der Werratal-Eisenbahn ging 1907 in Betrieb. Keine 40 Jahre später, kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges, wurden jedoch vier der fünf Brücken über die Werra gesprengt. In den nächsten Jahrzehnten fielen dann mehrere Abschnitte -Ost wie West- der Systemgrenze zum Opfer. Heute ein Segen für Radfahrer: ebene Strecke, guter Untergrund. Die angenehmen Temperturen und Rückenwind machen die Etappe heute sehr angenehm. 
 
Die Werra hält sich aber nicht an menschgemachte Grenzen und wir bewegen uns dadurch recht weit weg vom ehemaligen Grenzverlauf. In Mihla, kurz vorm Hainich (ach da ist der!), knickt die Werra um 90° nach rechts weg und wir nähern uns wieder der alten Grenze. Ab Creuzberg verschwinden die steilen Muschelkalkhänge und mit ihnen auch die Burgen, die bisher unsere Route überwacht haben.
Ab Göringen wird die Werra wieder für einige Kilometer zum Grenzfluss, bis sie nach Süden einschwänkt. Wir erreichen Gerstungen mit ordentlich Hunger. Die Pizza beim Dönerladen verschafft Abhilfe und sie war besser als man vermuten möchte. Es liegen noch knapp 15km vor uns, dann sind die 85km für heute geschafft -quasi eine "linke-Arschbacke-Etappe". 
 

Kurz hinter Gerstungen sehen wir das erste Mal die Abraumhalde des Kalibergbaus. Liebevoll auch Monte Kali oder Kalimandscharo genannt. In der relativ flachen Landschaft dürfte das 300 Meter Ungetüm aber vermutlich ähnlich landschaftsprägend sein. Und glaubt man unserem ZePaLei beeinflusst er sogar das Wetter...

Heringen - Fladungen

Heute wechseln wir ins Ulstertal, kämpfen mit den ersten Höhenmetern der Rhön und genießen eine rasante Abfahrt nach Bayern hinein! Aber von Anfang an. Heute morgen ist erstmal lange-Ärmel-Wetter, es hat etwas geregnet. Wir kratzen die Reste vom Vorabend zu einem ganz passablen Frühstück zusammen und starten gegen 9.00 Uhr in die heutige Etappe. 
 
 
Wir verlassen das Werratal und folgen grob dem ehemaligen Grenzverlauf - der Kolonnenweg ist unbestreitbarer Beweis dafür. Zwischen Vacha und Philippsthal begegnen wir ein letztes Mal der Werra. Die alte Sandsteinbrücke liegt hier genau im Grenzgebiet. Früher verbindende Furt, zu DDR-Zeiten unübersehbare Metapher der Trennung. Im Dickicht der Werraaue sind noch die Reste der ehemaligen Grenzbefestigung erkennbar und auch der Wachturm darf natürlich nicht fehlen. 
 
Wir folgen wieder einer ehemaligen Bahntrasse; dieses Mal der der Ulstertalbahn. Eine weitere Bahnstrecke die um die Jahrhundertwende gebaut und später dem Ost-West-Konflikt zum Opfer fiel. Heute wird sie teilweise durch den Ulstertalradweg genutzt. Es geht gemütlich flussaufwärts mit kaum wahrnehmbaren bis moderaten Steigungen. Das wird nur durch den Anstieg zum Point Alpha unterbrochen. Eine der Gedänkstätten, die man auf jeden Fall nicht auslassen sollte! 
 
Schon im Anstieg gibt es interessante Infos. In die Zuwegung zum ehemaligen Nato-Stützpunkte sind sog. Sprengschächte eingelassen, die im Falle des Falles gesprengt werden konnten und so die Zufahrt unterbrechen sollten. Die Schächte wurden noch bis 1992 von zivilen Wallmeistern, getarnt als Straßenbaumaßnahmen, gewartet. Plötzlich ist der Kalte Krieg zeitlich viel näher, als es sich für mich bisher angefühlt hat. Point Alpha war ein Observationsposten der US Armee. Das Museum konzentriert sich also mehr auf die Sicht der Alliierten und es wird deutlich, dass die deutsche Teilung nur ein kleiner Teil im Ost-West-Konflikt war. Dass die Grenze nicht nur die Grenze zwischen zwei Teilen Deutschlands war, sondern eben auch die Grenze zwischen Regimen, Ideologien und Weltanschauungen. Nato gegen Warschauer Pakt. Besonders deutlich wird dies an den strategischen Karten, die potenzielle Einfallwege (Fulda Gap) und Truppenbewegungen simulieren. Wir stärken uns noch im "Black Horse Inn" und machen uns wieder auf den Weg. 
Eine nicht ganz so angenehme Abfahrt über eine trockene und damit erstaunlich glatte Wiese bringt uns wieder ins Ulstertal zurück. Bis Hilders geht es wieder weiter sanft bergauf. Dann ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Im Ort erstmal 10-12% Steigung hinauf bis zum Friedhof. Ich bin hier schon tot, doch der Berg ist noch lang. Am Ortsende geht es etwas flacher weiter. Wir machen kurz an einer Quelle halt, Flaschen auffüllen, Zucker nachschieben und weiter geht´s. Gefühlt auf Augenhöhe mit der Wasserkuppe. Der Berg flacht weiter ab, wir queren eine Straße und so langsam ist ein Ende in Sicht. Mann, Mann, Mann diese Rhön. 
 
 
Nach Frankenheim geht es ein kleines Stück abwärts. Unser Streckenverlauf zu DDR-Zeiten undenkbar. Der einzige Ort, der noch weiter am A**** der DDR lag, dürfte das benachbarte Birx sein. Nahzu vollständig von Hessen und Bayern umschlossen, gab es quasi nur eine Straße, die nicht an einer Grenzbefestigung endete. Alle Verbindungen nach Hessen und Bayern waren gekappt, die Grenze weniger als einen Kilometer entfernt. Aber auch heute scheinen die Wege wenig befahren. Der Fahrradweg ist hier hinter Frankenheim nur noch ein Trampelpfad. Es geht buchstäblich über Stock und Stein. Wir begegnen einigen verwundert dreinblickenden Wanderern, dann sind wir raus aus dem Wald. Ab jetzt Abfahrt!
 

Also Jacken an und ab geht´s. Asphalt, Kurven, kein Verkehr! Diese Abfahrt war all die Mühen wert! Wir lassen es nach Oberfladungen hinein ausrollen, hier "unten" ist es gleich ein paar Grad wärmer. Zudem traut sich die Sonne hinter den Wolken hervor.
Der Campingplatz in Fladungen ist, hm. naja was genau? keine Ahnung. Hinter dem Freibad gibt es einen "echten" Campingplatz, der ist aber überwiegend mit Dauercampern belegt. Die Anmeldung zum "Fremdenverkehrszentrum" erfolgt beim Tourismusbüro via Handy. Es dauert etwas bis wir kapieren wo wir uns hinstellen dürfen. Das liegt vor allem daran, dass es sich hier um einen Fußballplatz handelt. Wir sind aber nicht die Einzigen, die sich hier niederlassen, also kann es nicht so verkehrt sein. Unsere Nachbarn sind Niederländer. Da fragt man sich echt, wie man auf die Idee kommt, ausgerecht hier Urlaub zu machen, aber gut. 

 
Erstmal geht es auf Futtersuche. Und Suche ist dabei ganz wörtlich gemeint und beginnt erstmal mit der Suche nach Internet. Die wenigen Anlaufpunkte, die Google dann vorschlägt sind enttäuschend (auch real sieht es nicht besser aus). Das Freilichtmuseum war noch der vielversprechenste Eintrag, allerdings nicht zu dieser Uhrzeit. Also dann doch Supermarkt: Brotzeit und Dosenbier. 
 

So ein bisschen hat uns die Rhön doch geschafft.

Fladungen - Einöd

Für heute haben wir uns gut 100 km vorgenommen. Wie weit wir tatsächlich radeln ist ziemlich egal, da es ohnehin keine Campingplätze oder ähnliches für uns gibt. Es heißt also Büsche oder Bude. Es geht weiter durch die Rhön. Hügelig, aber Ok. Anstrengend ist es trotzdem. Vom ersten Teil der Etappe ist mir, bis auf das recht schmucke Städtchen Behrungen, wenig im Gedächtnis geblieben. Die Landschaft wechselt zwischen Wald, Feldern, Orten und dann das Ganze wieder von Vorne.
Nach etwa 40 km fangen wir so langsam an nach einer Mittagsverpflegung zu suchen. Die Optionen sind mehr als nur rar gesäht. Es dauert noch gut 20 km bis wir Glücken haben sollten. Wir wollten schon aufgeben und an einem Pavillion die letzten Essensreste herauskramen, als uns eine Dame mit Hund Hoffnung macht. Im Ort gibt es einen Griechen und der müsste geöffnet haben!
In Alsleben rettet uns Maria mit ihren frittierten Tintenfischringen vor dem Hungertod und mit kalten Getränken vor dem Verdursten. Wir sitzen gemütlich auf der Terrasse und unterhalten uns mit Maria über die Waldbrände in Griechenland (ihr Urteil über ihre Landsleute ist fatal), aber dann wird es Zeit die Flaschen neu zu füllen und die Pferde wieder zu satteln. Über Kalorien müssen wir uns keine Sorgen machen, es geht gleich wieder bergauf. 
 
 
Zum Glück aber nur kurz, die nächsten Kilometer folgen wird er Helling. Die verläuft mehr oder weniger parallel zur südlich gelegenen Landesgrenze. Wir hätten mehrfach Gelegenheit abzukürzen, denn die Route führt uns quasi im Kreis, nicht zu letzt, da unser heutiges Domizil etwas abseits der Route liegt.
 
Wir bleiben stark, also einmal rum um das Waldstück. In Bad Colberg kommen uns die beiden Niederländer entgegen, die wir schon auf dem Campingplatz am Kalimandscharo getroffen haben. Bad Colberg ist, wie der Name schon andeutet, ein Kurort, was den entscheidenden Vorteil bietet, dass diese Orte immer mit geöffneten Cafés aufwarten können. Nach fast 90 km haben wir uns eine Pause verdient. Sabine kredenzt Kaffee, Kuchen und Aprol Spritz. 
 
 
Wir folgen ein Stückchen der Rodach nach Norden, dann geht es links weg Richtung Heldburg. Hier wäre es fast nochmal spannend geworden. Scheinbar haben wir einen Abzweig verpasst oder zu früh genommen. Die befürchteten extra Höhenmeter bleiben uns aber erspart.
Pünktlich um fünf reiten wir in der Country Scheune in Einöd ein. Ross und Reiter sind platt. Das Abendessen muss ausfallen, dafür gibt es eine warme Dusche und ein Bett.
 -Howdy Partner!

Einöd - Stockheim

Erster Stopp: Heldburg Bäcker. Der Bäcker ist ein echter Allrounder. Nicht nur, dass er zwei ausgehungerte Radfahrer wieder auf die Beine bringt, er ist auch gleichzeitig Sozialstation, Postannahmestelle und zentrale Anlaufstelle zum Austausch der neusten News über schließende Fleischer und dahingeschiedene Mitbürger. Wir erfahren auf jeden Fall viel zu viel. Von allem.  
Zweiter Stopp: Ortsausgang Heldburg, am Fuße der Veste. Platten. Also schnell Schlauch eingezogen, nochmal die Klamotten angepasst und dann geht es auch schon weiter. Das Wetter ist heute etwas durchwachsen.
 
 
 
Eigentlich nicht so schlecht zum Radln, aber uns klebt eine fette finstere Wolke im Nacken, die uns hartnäckig verfolgt. Wir versuchen ihr zu entkommen und geben Gas, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Unter der Autobahn stoppen wir kurz um einen Blick auf das Regenradar zu werfen. Etwas unschlüssig was wir mit der Info anfangen sollen, beschließen wir erstmal alles wetterfest zu verpacken und weiterzufahren -instant regret. Es schüttet los während wir gerade in voller Abfahrt sind. Es gibt keine Möglichkeit anzuhalten und vor allem nichts zum Unterstellen. Erst im nächsten Ort bietet uns das Vordach einer Feuerwehr Unterschlupf, uns und einem toten Vogel.



Ausgekühlt und mit steifen Gliedern schwingen wir uns wieder auf die Räder. Selbst der Anstieg vermag keine Wärme in die Kadaver zu bringen zumal uns nach Elmstadt hoch ein zweiter Schauer erwischt -diesmal gänzlich ohne Unterstellmöglichkeit. Ein vorbeifahrender Rentner grüßt uns mit halb mitleidigem, halb belustigtem Lächeln. Wir nehmens mit Humor, klauen ein paar Zwetschgen vom Baum und fahren weiter. 
 

Hoffnung macht sich breit, als Hennings Adleraugen Menschen auf einer Terrasse erspähen! Wir haben den Froschgrundsee erreicht und damit die Gelegenheit vorzüglich zu speisen, zu trocknen und sich aufzuwärmen. Der Stausee liegt -je nach Aufstauung- zum Teil auf Thüringer Gebiet und heißt,  damals auf DDR Gebiet! Ein Detail für das wir zu diesem Zeitpunkt nur mäßig Interesse haben. Auch der Blick auf den See lockt uns gerade wenig.  


Wir folgen nun erstmal der Itz Richtung Süden und damit weg von der ehemaligen Grenze bis wir ins Tal der Röden kommen. Wir durchqueren Neustadt bei Coburg einmal in kompletter Länge und biegen kurz vor Sonneberg rechts ab. Während der nächsten 10 km wechseln wir mehrfach zwischen ehemals-Ost und ehemals-West. Der frühere Grenzstreifen ist auf dem Luftbild noch gut zu verfolgen, wenn auch mit Unterbrechungen. Beim Fahren nimmt man es jedoch kaum wahr, man muss schon gezielt danach Ausschau halten. Die Straße, die uns das letzte Mal für heute über den Berg und ins nächste Tal bringt, verläuft direkt an der Bundeslandgrenze. Rechts einzelne versprengte Höfe auf bayerischer Seite, links der Straße ehemals Todesstreifen. Klingt irgendwie unentspannt. Muss damals ein komisches Gefühl gewesen sein.
So, jetzt Endspurt: heute Abend gibt es doppelten Luxus. Die Räder bekommen ihre eigene Garage und wir 4 Sterne. 


Stockheim - Harra

Heute Königsetappe! Wir frühstücken fürstlich. Es ist leicht bedeckt. In der Nacht hat es geregnet, aber jetzt ist es trocken, die Luft gereinigt. Ideale Bedingungen also. Es geht direkt weiter straff nach Norden. Die nächsten 25km geht es immer leicht bergauf. Die Strecke ist malerisch. Der Weg folgt dem Tal der Tettau und einer alten Bahnstrecke. Die Strecke springt zwischen Bayern und Thüringen hin und her. Wie schon bei so vielen Bahnlinien, die uns unterwegs begegnet sind, hat auch hier der Mauerbau das Ende der Strecke besiegelt. Bis Tettau war der Bach quasi Grenzfluss. Wir gönnen uns ein zweites Frühstück und packen den Rest gegen schlechte Laune in die Taschen. 
 

Kurz hinter Tettau erreichen wir die Grenze zu Thüringen. Hier verlassen wir die Straße und wechseln auf Feldwege und treffen das erste Mal auf den Rennsteig. Am Infozentrum Spechtsbrunn legen wir keine kurze Pause ein. Kaffee, Pinkeln, Weiterradeln. Der Anstieg ist fast geschafft. Der höchste Punkt der Tour: 740 m ü. NN.
 
Hinter Lichtenhain erwartet uns wieder Kolonnneweg. Wir wissen nun, warum der Ingolstädter derart über die Lochplatten geschimpft hat. Im Gegenstz zu den bisherigen Streckenabschnitten sind die meisten Löcher nahezu ohne Füllung. Mit jedem Loch riskiert man quasi eine Defekt an Mann und Reiter. Auch der schmale Streifen zwischen den Fahrspuren ist nicht oder nur bedingt befahrbar, da so tief ausgewaschen, dass man Gefahr läuft mit der Kurbel an den Lochplatten hängen zu bleiben. Bergab mit Vorsicht und Augenmaß machbar, aber kein Spaß. Bergauf hätte ich sicherlich kapituliert.
Wieder auf asphaltierten Wegen angekommen, werfen wir einen letzten Blick hinab zur Burg Lauenstein, schließen die Trikots und stürzen uns todesmutig in die Abfahrt. Durch den Ort geht es bei 15% Gefälle durch die Kurven. Fast schon ein bisschen zu steil, um es richtig zu genießen. Trotz Bundesstraße geht es erstmal gemütlich dahin. Wieder an der Bundeslandgrenze angekommen biegen wir rechts weg in den Steinbachsgrund. 
 
Wir radeln über den Waldweg. Rechts der Steinbach. Die Sonne scheint durch die Bäume. Vor uns taucht die Steinbachsmühle auf. Die Einöde Steinbachsmühle existiert schon seit dem 15. Jahrhundert. Auch wenn die jetzt noch vorhanden Gebäude natürlich nicht 500 jahre alt sind. Die Mühle stand ehemals direkt auf der Grenze. Die Kellerräume auf thüringer Seite wurden damals gesprengt. Der Betrieb der Mühle wurden in den 1970er Jahre aufgegeben.
Ab hier wird es nun anstrengend. Der Weg ist ramponiert, steil und durch die Rückearbeiten auch mit jeder Menge Holzresten versehen. An einigen Stellen hat man den Weg bereits wieder planiert, das fällt aber eher unter Kosmetik, als unter Wegebau. Etwa bei der Hälfte fordere ich eine Verschnaufpause ein. Das bezahle ich jedoch mit mehreren Bremsenstichen und einem blauen Fleck, weil beim Anfahren der Hinterreifen durchgeht. Kurz vor Lichtentanne treffen wir dann wieder auf einen asphaltierten Weg und wenig später wieder auf eine Straße. Auch wenn der Berg noch nicht zu Ende ist, das schlimmste Stück ist geschafft. Im Reiseführer ist der Abschnitt hinter der Steinbachsmühle als ca. 2 km lange Schiebestrecke ausgewiesen -diese Anfänger ;) 
 
In Schmiedebach ist der Anstieg dann endgültig vorbei. Leider bebleibt uns wenig Zeit zum Durchatmen, denn hinter uns grummelt es und die Wolken werden zunehmen dunkler und schwerer. Das gelbe Ortsschild von Lehesten schon zum Greifen nah, treffen uns die ersten Regentropfen. Das erste Gebäude ist die alte Dachdeckerschule (die älteste Dachdeckermeisterschule Deutschlands). Die bietet leider keinen Unterschlupf, also weiter. Mit der Abfahrt in den Ort fängt es dann richtig an. Wir retten uns unter das Vordach eines kleinen Supermarktes. Samstag. 14.00 Uhr. Geschlossen. Wie zwei begossene Pudel kauern wir uns unter das Vordach, versuchen wir möglichst trocken zu bleiben (klappt nur so halb gut) und klappern vor Kälte vor uns hin. Ein tierlieber Anwohner winkt uns zu sich rüber und gestattet uns Unterschlupf. Er ist ein "echter" Einheimischer, der die Zeit der Schieferindustrie und des Eisneren Vorhangs live miterlebt hat. Er hat so einiges über das Leben in Sperrzone samt Passierschein, Stempeln und Sonderzahlungen etc. zu erzählen und eine angenehm reflektierten Blick auf die Zeit. Eine wirklich interessante Begegnung.
Gleich hinter Lehesten geht es wieder den Berg hinauf. So langsam ziehen sich die Kilometer. Unsere Fahrt wird erneut von einem Schauer unterbrochen. Diesmal retten wir uns in eine Schutzhütte gleich neben der Strecke. Der Regen dauert nicht lange und wir begeben uns zurück auf die dampfende Straße. Ab Schlegel ist es dann vorbei mit den Höhenmeter (zumindest dachten wir das) und wir fahren hinab nach Blankenstein.
 

Unser Etappenziel liegt in Harra, etwas nördlich von Blankenstein. Dort gibt es einen Campingplatz direkt an der Bleiloch-Talsperre. Die Lage an der Saale bzw. am Stausee täuscht leider etwas drüber hinweg, dass der Weg dorthin keineswegs flach dahin geht. Das Tal wir don ver alten Zellstofffabrik eingenommen, so dass Straße und Saale-Radweg auf den Hang ausweichen mussten. 
 

Wir rollen völlig unvorbereitet in Harra auf den Campingplatz: Gas leer, Verpflegung leer, Bargeld fast leer und offen hat hier im Ort schon lange nichts mehr. Zum Glück können wir die Übernachtung mit Karte bezahlen, so dass die letzte Kröten in Bier und Steak au four (ja der Campingplatz liegt nicht in Bayern) investiert wereden können. Wir genießen den Blick über den See, freuen uns auf die heiße Dusche und unsere kleine exklusive Parzelle. Morgen the final Stage!

Harra - Dreilängereck - Hof

Meine Beine sind im Arsch. Spätestens seit dieser Nacht reicht die Regeneration nicht mehr um die Strapazen der letzten Etappe zu kompensieren. Mal sehn, ob man das rausradeln kann -hust hust. Erschwerend kommt hinzu, dass wir die ersten Kilometer (und Höhenmeter. 300 um ungenau zu sein) ohne Frühstück hinter uns bringen müssen. Die ersten unbekannten Kilometer führen uns auf der "Panoramastraße" entlang der Saale. Leider ist dieses Vergnügen nicht von Dauer und wir müssen uns schon bald von der Saale wieder verabschieden. Next Stopp Autobahn. 
 

Wir schleichen uns quasi von Hinten auf den Restplatz Frankenwald. Zwei Fahrradfahrer auf der Autobahnraststätten fallen sogar im Sommer-Urlaubs-Reise-Stress auf. Es ist Sonntag, die Ferien haben begonnen und die Nerven liegen blank -zumindest bei denen die auf vier Reifen unterwegs sind. Henning wagt sich in die Höhle des Löwen um Frühstük zu jagen, ich studiere die verschiedenen Eskalationsstufen auf dem Parkplatz. Wir frühstücken zwischen Familiendramen und sind irgendwie froh nicht wirklich Teil der Szenerie zu sein.
Nach einem weiteren kurzen Stück Saale-Idyll erwartet uns kurz hinter der zu DDR Zeiten gesperrten Brücke zwischen Untertiefengrün (BY) Hirschberg (TH) der nächste Anstieg. Hirschberg lag innerhalb der Sperrzone, zum Teil sogar im Schutzstreifen. Insbesondere die ehemalige Lederfabrik lag direkt am  Saaleufer. Mit dem Niedergang der DDR war es auch um die Lederfabrik und die 250-jährige Gerbereitradition geschehen. 1993 wurde das Fabrikgebäude abgerissen. 
 

Uns führt der Weg erstmal hinauf zum Schloss - schmale 20% Steigung - Heiligsblechle! und dann weiter nach Mödlareuth. Das geteilte Dorf, dass als "Little Berlin" traurige Berühmtheit erreichte. Die Betonsperrmauer lief direkt durch den Ort entlang der historischen Greze zwischen Bayern und Reuß (Thüringen). Eine Aufnahme im Ort vom Mai 1989 zeigt die Mauer von bayerischer Seite aus. Der Hof im Hintergrund ist heute noch zu erkennen. Aktuell wir die Außenanlage des Museums inkl. der gazen alten Grenzanlage erneuert: Beobachtungsturm, Betonmauer, Sperrgraben und Kontrollstreifen. Was für ein Irrsinn.
Der letzte touristische Abstecher auf unserer Tour bringt uns zum Drei-Freistaaten-Stein, der die historische aber auch aktuelle Grenzen zwischen den Freistaaten Sachsen, Thüringen und Bayern markiert. Der Abstecher beschert und ein letztes Mal Kolonnenweg und Lochplatten, dann zählen wir so langsam die Kilometer rückwärts.
 


 
Es ist vollbracht! 1.175km 11.210 hm 13 Tage 1 Platten. 
 

Ich will nicht behaupten, der Rest führe sich von alleine, aber es fährt sich auf jeden Fall beschwingter! Am Ende heißt es: geschafft, aber auch erledigt.





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